Nachschau - Veranstaltung am 01.04.2009

Mit neuen Energien abrüsten

Halle. Zum Abschluss der diesjährigen Wintervortragsreihe „Energiesicherheit im 21. Jahrhundert“ konnte die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. - Sektion Halle - gemeinsam mit dem Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt, der Stadt Halle sowie der Jakob-Kaiser Stiftung e.V. am 1. April 2009 nochmals einen ausgewiesenen Fachmann als Referenten gewinnen.

Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann begrüßte im Stadthaus Halle, Professor emer. Dr. Peter Hennicke, der als Präsident bis zum 31.01.2008 das renommierte Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen leitete. Dieser sprach zum Thema „Krisenfaktor Öl: Abrüsten mit neuer Energie“.

In seinem perspektivisch geprägten Vortrag beleuchtete Prof. Hennicke vor allem potentielle Alternativen zur derzeitigen Energiepolitik. Den aktuellen Zustand geißelte er als „Krieg gegen die Natur“. Die Weltpolitik würde vor einem Zeitalter der Ressourcenkriege stehen. Demzufolge legte er seinen Ausführungen die Frage, wohin die „Weltmacht Energie“ steuern würde, zugrunde.

Es gälte den übermäßigen Energieverbrauch pro Kopf zu senken ohne jedoch eine wesentliche Einbuße an Lebensqualität hinnehmen zu müssen. Die Lösung läge in der Vielfalt und der Dynamik erneuerbarer Energien. Grundsätzlich würde die Welt in einem Energieüberfluss schwelgen. Gleichzeitig müssten jedoch eine Milliarde Menschen ohne geregelten Zugang zu Elektrizität auskommen. Dabei gelte es ein zukünftiges Energiefiasko durch Schwellenländer zu verhindern. Die Welt sähe sich derzeit einer historischen Verzweigungssituation gegenüber, die durchaus in Barbarei enden könne, sofern man die anstehenden Problematiken nicht in den Griff bekäme. Möglichkeiten zur Verhinderung dieser Schreckensszenarien seien durchaus (noch) gegeben. Die „Weltmacht Energie“ müsse jedoch auf einen neuen Kurs gebracht werden. Ein Ausstieg aus dem nuklear-fossilen Zeitalter und die Suche nach Lösungsansätzen, die mit suffizienten Konjunkturprogrammen gekoppelt seine, wären denkbare Ansätze für diese Neuausrichtung.

Prof. Hennicke plädierte für eine ökologische Modernisierung. Das Atomzeitalter bezeichnete er als (kurze) Episode der Weltgeschichte. Zukünftig müsse u.a. Biomasse nachhaltiger genutzt werden. Eine Effizienzsteigerung vorhandener Energieträger sowie erneuerbare Energien würden in Form eines „grünen Wohlstands“ helfen, Zeit für den erforderlichen Umbau zu gewinnen. Die zukünftige Energiesicherheit würde jedoch einen „Masterplan der ökologischen Modernisierung durch Energieeffizienz und erneuerbare Energien“ erforderlich machen.

In den letzten zehn Jahren der Bush-Administration sei viel Zeit verloren gegangen. Für das Ziel der EU, einen zukünftigen Temperaturanstieg auf maximal 2°C zu begrenzen, müsse der maximale CO2-Peak bis zum Jahr 2015 erreicht sein. Hinsichtlich der klimatischen Zukunft unseres Planeten sei Zeit der knappste Faktor. Risikofaktoren wie ein immer stärker werdender Methanausstoß könnten zu einem Abschmelzen der Gletscher im Himalaja und in Peru, die auch als Trinkwasserreservoire dienen würden, und einer Eisschmelzen in Grönland führen, was im schlimmsten Fall zu einem Anstieg der Meeresspiegels um sieben Meter führen könne.

Klimaschutz sei jedoch durchaus finanzierbar. Allerdings sei dies mit enormen Anstrengungen verbunden. Momentan würde jeder auf den anderen zeigen. Indien und China, als (energiepolitisch) potentielle Problemkinder der Zukunft gäben beispielsweise den westlichen Industrienationen die Schuld für den derzeitigen Zustand und würden darauf verweisen, dass diese die Probleme, die sie verursacht hätten, auch selber lösen sollen.

Der maximale Peak der Erdölproduktion stünde unmittelbar bevor und die Entwicklung der Energiepreise in den nächsten 10 – 30 Jahren sei fraglich, jedoch tendenziell kritisch zu bewerten. Die Entwicklungen des vergangenen Jahres mit einem Anstieg von 40$ auf 130$ und einem erneuten Abfall auf 40$ sei ein Vorgeschmack auf zu erwartende Entwicklungen. Die Zeiten billigen Öls seien vorbei und man müsse mit einem Preis von 150 – 250$ pro Barrel rechnen.

Ein zusätzliches Problem sah Hennicke in der Reichweite weiterer Rohstoffe. Auch die Reichweite von Metallen, als Grundlage vieler Industrieprodukte, sei eng begrenzt. Diese würde beispielsweise für Blei derzeit mit 20 Jahren, für Zink mit 22 Jahren, für Kupfer mit 31 Jahren, für Wolfram mit 39 Jahren und für Nickel mit 44 Jahren angegeben. Alle diesbezüglichen Schätzungen seien jedoch mit einem großen Unsicherheitsfaktor versehen, da es sich nicht um statische Verbrauche handeln würde. Ein Wiederanspringen der globalen Konjunktur könne unkalkulierbare Folgen haben. Gerade die Bundesrepublik Deutschland sei als rohstoffarmes Land stark von Metallimporten abhängig.

Die Weltmarktkonkurrenz um Öl, Erdgas, Wasser und seltene Mineralien würde zu einer neuen Landkarte globaler Konflikte führen. Die Grenzen des Wachstums wären stark von den Verfügbarkeitsrisiken abhängig. Weltweit würden demnächst 9 Milliarden Menschen erwarten, dass ihr Lebensstandard wächst. Dies müsse jedoch vom ökonomischen Wachstum, bei gleichzeitigem Rückgang des „Naturverbrauchs“, entkoppelt werden. In diesem Zusammenhang verwies Prof. Hennicke auf zukünftig stattfindende Ressourcen-Sicherheitskonferenzen.

Würde man die (Auto)mobilität der USA auf China übertragen, würde alleine dieses Land die gesamte Weltproduktion an Erdöl für seine Bevölkerung benötigen. Allerdings sei diese Mobilität (glücklicher Weise) auf absehbare Zeit nicht 1:1 übertragbar.

Hinsichtlich der Gesamtkapazität an Atomenergie verwies Prof. Hennicke darauf, dass diese sich kaum noch verändern werde. Somit würde sich die Frage stellen, was bis zum Jahr 2050 geschehen müsse.

Seiner Ansicht nach müsse das globale Energiesystem sehr viel CO2-freier gestaltet werden. Im Optimalfall müsse dies eine Reduzierung der derzeitigen Belastungen um 50% zur Folge haben. Diesbezüglich heute bereits bekannte Technologien müssten forciert werden. Die Welt würde einen robusten, grünen Korridor als Lösungsansatz benötigen. Zusätzlich sei eine intensive Kooperation zwischen den Staaten der nördlichen und südlichen Erdhalbkugel erforderlich. Das gegenseitige Fingerzeigen „erst ihr, dann wir“ hätte zukünftig zu unterbleiben. Der Primärenergieverbrauch könne durch eine höhere Effizienz weltweit stabilisiert werden. Ein wichtiger Schritt sei auch die Bezahlung von CO2-Freisetzungen.

Der Referent betonte, dass die Dynamik hinsichtlich der Entwicklung erneuerbarer Energien durchaus ökonomisch sinnvoll vorangetrieben werden könne. Diesbezügliche Hoffnung setze er in die Anstrengungen des neuen amerikanischen Präsidenten. Spannend bleibe die Frage, wer das Endspiel um Öl gewinnen werde.

Hinsichtlich der Entwicklung von Solarenergie bemerkte Hennecke, dass es einen extrem unterschiedlichen, globalen  Flächenertrag geben würde. Die entscheidende Frage wäre, wie man den Überfluss solarer Einstrahlung im Sonnegürtel der Erde optimal nutzen könne, um vom Öl unabhängig zu werden. Ideale Bedingungen für die Gewinnung von Solarenergie würden beispielsweise Ägypten und der Iran aufweisen. Daher wäre es gerade für den Iran mehr als sinnvoll, Abstand von seinem Atomprogramm zu nehmen und zukünftige Anstrengungen auf ein Solarprogramm zu fokussieren. Die EU und Deutschland müssten den Iran auf dem Weg der Solarenergie und Geothermie unterstützen, um Weg vom Öl und hin zu einer ökologischen Lösung zu finden.

Aber auch Europa selbst könne ca. 1/3 seines Energiebedarfs einsparen. Das Jahr 2020 sei voraussichtlich der Wendepunkt, an dem die Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energien billiger, als die durch klassisch-fossile Energieträger werden würde. Ein wichtiges Projekt sei auch die weitere Förderung von Passivhäusern, die mittels großer Photovoltaikanlagen mehr Energie erzeugen, als verbrauchen würden.

Der in Europa durch Lebensstil und Technik erzeugt CO2-Ausstoß von derzeit 14,5 t pro Kopf könne bereits mit den heute zur Verfügung stehenden Technologien auf 5 t pro Kopf abgesenkt werden. Hierzu seien jedoch u.a. auch Änderungen im Lebensstil (verändertes Tourismusverhalten – Flugreisen, Abrüsten der Kfz-Flotte) notwendig.

Die Veranstalter bedanken sich ganz besonders bei allen Freunden, Förderern und Gästen, die durch ihre Mitarbeit und Teilnahme an den Vorträgen auch der diesjährige Wintervortragsreihe wieder zum Erfolg verholfen haben und freuen sich bereits jetzt, alle ab dem Herbst 2009 wieder im Stadthaus Halle begrüßen zu dürfen.

Text und Foto: Oberfeldapotheker Hartmut Berge

 

Präsentationsfolien des Vortrags zum Herunterladen (pdf-Datei)

Weiterführende Informationen zum Thema:

Beitrag von n-tv.de vom 16.06.2009 (pdf-Datei)


Vermischtes

Krisenfaktor Öl

geschrieben am: 03.04.2009 04:00

Abrüsten mit neuen Energien war Thema eines Vortragabends im Stadthaus

(hjk) Atomstreit mit dem Iran, Unruhen in Nigeria, Hurrikans in den USA: Immer neue Krisen treiben den Ölpreis in die Höhe. Öl, unser wichtigster Energieträger, heizt nicht nur das Klima auf, sondern entpuppt sich zunehmend als Krisenfaktor für die Welt. Mit der stetig wachsenden Verletzlichkeit unserer Energiesysteme reift die Erkenntnis, welche grundlegenden strukturellen Faktoren die Energiesicherheit bestimmen. Das Öl als Krisenfaktor - genau damit beschäftigte sich am Mittwoch ein Vortrag der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik und der Jakob-Kaiser Stiftung im Stadthaus in Halle (Saale).

Der Vortrag sollte die Frage klären, wie wir unsere Abhängigkeit von Energieimporten verringern, den Klimaschutz verbessern und globale sozioökonomische Schieflagen entschärfen können. Wir müssen uns rechtzeitig vom Öl verabschieden, weil die Ressourcen auf der Welt zu Ende gehen und bevor wir uns alle in die Krise stürzen. Wohin steuert die „Weltmacht Energie? Die Richtung kann nur sein „Abrüsten mit neuen Energien“ und die Entwicklung ziviler Strategien, wie wir den Krieg gegen die Natur beenden können. Die Ölkrise muss überwunden werden, da die Energie eine gesellschaftspolitische Frage ist.

Wie können wir mit neuen Energien abrüsten? Auf der Welt leben immer noch 1,6 Milliarden Menschen insbesondere in den größten Schwellenländern ohne Strom im Haushalt. Wir stehen vor einer historischen Verzweigungssituation, bei der wir einen neuen Kurs bei der Weltmacht Energie einschlagen müssen, raus aus dem fossilen und nuklearen Zeitalter: Nachhaltige Energie erfordert Effizienzsteigerung, erneuerbare Energien, Solarstromtransport aus Nordafrika und grünen Wohlstand. Diese Maßnahmen helfen uns Zeit zu gewinnen, damit die Atomenergie eine Episode der Technologieentwicklung bleibt und wir auch Biomasse nachhaltig nutzen werden.

Die erneuerbare Energie ist die schnellste, größte und billigste Option für die Klimaverbesserung auf unserem Planeten Erde. Dazu müssen wir aber unser Konsum- und Investitionsverhalten grundlegend ändern. Energiesicherheit erfordert einen Masterplan „Ökonomische Modernisierung durch Energieeffizienz und erneuerbare Energien“.

Die USA haben während der Bush-Regierung 10 Jahre Zeit in der Klimapolitik verloren , die nun der neue Präsident hoffentlich aufholen wird. In Europa müssen die EU-Beschlüsse umgesetzt werden, die darauf zielen, die Erderwärmung nicht weiter als 2 Grad Celsius in den nächsten 100 Jahren ansteigen zu lassen. Spätestens im Jahre 2015 muss der sogenannte Peakpoint d.h. der Knick in der CO2-Kurve eingeleitet werden, weil wir sonst in die Naturkatastrophe hineinsteuern werden. Deutliche Anzeichen dafür, dass der Klimaschutz auf der Kippe steht, sind die Gletscherabschmelzungen an den Polen und in den Gebirgen, die dazu führen können, dass ein globaler Meeresspiegelanstieg um 7 Meter d.h. auch an der Nordsee stattfindet. Wir sollten dabei bedenken, dass die Klimaschutzpolitik weitaus billiger ist, als die Beseitigung der Folgen, wenn wir nichts tun würden.

Bei der Ölfrage steht in den Jahren 2010-2015 der Peak bevor. Die Zeiten billigen Öls sind vorüber. Die Grenze wird bei 200-250 Dollar/Barrel liegen und die Ölpreise werden unerbittlich wieder steigen. Daher müssen wie weg vom Öl. Auch andere Stoffe, wie ausgewählte Metalle werden sich verknappen bzw. gehen in den genannten Jahren zu Ende: Blei nach 20 Jahren, Zink nach 29, Kupfer nach 31, Wolfram nach 39 und Nickel nach 44 Jahren.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus? Deutschland liegt bei der Lebensqualität weltweit auf Platz 26. Unser Pro-Kopf-Energieverbrauch ist zu hoch. Die weltweite CO2-Entwicklung erfordert auch bei uns eine wesentliche Steigerung der Energieeffizienz. Die weitere Braunkohlenverstromung mit 70% CO2-Abscheidung durch Verflüssigung wird die Stromkosten verdoppeln. Die Atom-Kraftwerkskapazitäten werden sich nicht wesentlich verändern. Es wird keine globale Renaissance der Atom-Kraftwerke geben, weil die Banken keine Kredite angesichts der ungelösten Probleme bei der Atom-Mülleinlagerung geben werden.

Was ist also nötig?
- CO2-Reduzierung um die Hälfte,
- Steigerung der Energieeffizienz,
- Einsatz erneuerbarer Energien
- Ausweitung der Kraft-Wärme-Kopplung und auch der Wärme-Kälteproduktion.
Welche Resultate werden wir im Jahre 2050 erzielen?
- Halbierung des Primärenergieverbrauchs von 810 auf 422 EJ
- Anteil der erneuerbaren Energien: bei Elektrizität 70%, bei Wärme 65%.
- (Solar-Stromproduktion: gemeinsame Nutzung mit den nordafrikanischen Ländern
- /Solar-Wärme, Geothermie)
- Ausstieg aus der Atomenergie
- Expansion der KWK (Gas, Bio-Gas)
- Emissionshandel bei CO2 ( 60 Dollar/t CO2)

Welche Auswirkungen wird die Entwicklung “Weg vom Öl” auf dem Verkehrsektor haben? Unser Kraftstoffverbrauch ist mit 7 l/ 100 km noch viel zu hoch. Wir müssen über die Abwrackprämie zum Energiesparauto mit einem CO2-Ausstoß unter 120 g/km kommen. Im Wohnungsbau gilt es die Passivhäuser weiter zu entwickeln und den Energieverbrauch von 120 auf 20-30 W/m2 zu senken. Die Solar-Häuser müssen nach dem Muster von Disch (2007) zu Plusenergiehäusern weiterentwickelt werden, d.h. sie erzeugen mehr Energie als sie verbrauchen und werden damit zu Netzeinspeisern. Auch können wir individuell zur Verbesserung der CO2-Bilanz beitragen , in dem wir einen sogenannte „Touristischen Klimafußabdruck“ hinterlassen und den Urlaub anstatt in Mexiko auf der Insel Rügen verbringen.

Oben                                                                                                                                                                    Zurück

Unsere Partner: