„Sicherheitsrisiko Klimawandel –
Die Krisenherde der Zukunft?“
Wasser als
Konfliktursache
Geowissenschaftler referierte über absehbare Verteilungskämpfe um
Trinkwasser
Halle.
Am Dienstag,
den 01. Dezember 2009, lud die Sektion Halle der Gesellschaft für
Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. im Rahmen ihrer
Wintervortragsreihe 2009/2010 zum Leitthema „Sicherheitsrisiko
Klimawandel – Die Krisen der Zukunft?“ wiederum sicherheitspolitisch
interessierte Bürger ins Stadthaus. Auf dem Programm stand ein
Vortrag des Geowissenschaftlers Professor Dr. Rainer Mennel von der
Freien Universität Berlin zum Thema „Wasser als Konfliktursache –
Ökologische und strategische Aspekte von Sicherheit am Beispiel
eines weltweit begehrten Rohstoffes.“
Professor Mennel
beim Vortrag
Zentrale
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sei der wachsende
Energiebedarf, die Klimaerwärmung und vor allem der absehbare
Verteilungskampf um Wasser. Akuter Mangel an Süßwasser, nicht
zuletzt an einwandfreiem Trinkwasser, sei das kritischste Problem
für Millionen von Menschen, warnte der Geowissenschaftler und
benannte die klimabedingte Ungleichverteilung dieser lebenswichtigen
Ressource, das Bevölkerungswachstum und die Klimaveränderungen als
Hauptursachen für die globale Wasserkrise, hob jedoch hervor dass
daneben auch Verschmutzung und Übernutzung des Trinkwassers durch
Industrie und Landwirtschaft sowie Wasserverluste durch fehlende
oder schlechte Infrastruktur für die Wasserversorgung und zur
Wasseraufbereitung eine gewichtige Rolle spielten. Je knapper die
Ressource Wasser künftig werde, umso wahrscheinlicher würden Krisen
und Konflikte um diesen lebensnotwendigen Stoff, machte der
Geowissenschaftler das damit verbundene Konfliktpotenzial deutlich.
Dies reiche von Umweltmigration in die reichen Industrienationen
über Bürgerkriege bis hin zum Staatszerfall. Dass auch
grenzüberschreitende Konflikte mit kollektiver Gewaltanwendung
zukünftig nicht mehr ausgeschlossen werden könnten, erläuterte
Professor Mennel am Beispiel gefährdeter Regionen, wie den
Nilanrainerstaaten, der ohnehin konfliktträchtigen Region Israel,
Jordanien und Syrien sowie anhand der Ober- und
Unterliegerproblematik an Euphrat und Tigris zwischen der Türkei und
dem Irak.
Von
Wassermangel könne auf unserem Planeten eigentlich keine Rede sein,
so Mennel, schließlich werde die Erde zu siebzig Prozent von Wasser
bedeckt. Dies sei allerdings ein Trugbild, denn rund
siebenundneunzig Prozent der weltweiten Wasservorkommen befänden
sich als Salzwasser in den Ozeanen und seien weder als Trinkwasser
noch zur Bewässerung von landwirtschaftlichen Nutzflächen geeignet.
Von den verbleibenden drei Prozent Süßwasser seien wiederum rund
siebzig Prozent als Eis in den Polkappen und Gletschern gebunden.
Nur dreißig Prozent verteilten sich auf Oberflächengewässer und
Grundwasser.
Lediglich
ein Prozent der Süßwasservorkommen seien letztendlich als
einwandfreies Trinkwasser für den Menschen unmittelbar nutzbar. Doch
selbst mit dieser Menge, relativierte Professor Mennel, sei
theoretisch mehr als genug nutzbares Süßwasser vorhanden.
Wasservorkommen der Erde
(Grafik:
Jürgen Rann)
Das
Hauptproblem sei aber die sehr unterschiedliche geographische und
saisonale Wasserverfügbarkeit, die nun einmal vom Klima abhinge. Es
gäbe wasserreiche Staaten, wie Kanada und wasserarme Länder, wie
Jordanien. In manchen Staaten, wie etwa China oder den USA käme
sowohl Wasserreichtum als auch Wassermangel vor. Länder gälten als
wasserarm, wenn das jährliche sich erneuernde Wasserangebot unter
1000 m³ pro Kopf läge, von Wassermangel spreche man bei unter 500
m³, erläuterte der Geowissenschaftler und unterstrich, dass
natürlich insbesondere in den Trockengebieten der Erde erneuerbares
Süßwasser sehr knapp sei, da dort eine negative Wasserbilanz
herrsche, weil mehr Wasser verdunste, als durch Niederschläge
kompensiert werden könne.
Angesichts
des rasanten Bevölkerungswachstums müsse man sich vor Augen halten,
dass die weltweiten Süßwasservorräte heute nicht größer seien als
vor 2000 Jahren, als die Weltbevölkerung weniger als drei Prozent
der heutigen (rund 6,7 Milliarden) betrug. Über eine Milliarde
Menschen litten bereits weltweit unter Trinkwasserknappheit. Mehr
als drei Milliarden Menschen seien von wasserbedingten Krankheiten
betroffen, jährlich sterben vier bis fünf Millionen Menschen,
täglich nahezu fünftausend Kinder durch verunreinigtes Trinkwasser.
Das seien etwa zehnmal so viele Opfer, wie weltweit durch Kriege zu
beklagen seien. Das ständige Wachstum der Erdbevölkerung werde nach
einer Schätzung der Weltbank den Lebensmittelbedarf bis 2030 um
fünfzig Prozent steigern. Da zwei Drittel des weltweiten Wassers in
der Landwirtschaft, also zur Nahrungsmittelproduktion verbraucht
würden, sei zu befürchten, dass bis dahin bis zu dreißig Prozent der
Weltbevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasser mehr haben würden.
Darüber
hinaus werde die zunehmende Klimaerwärmung den Wassermangel in den
heute bereits bestehenden Trockenregionen voraussichtlich weiter
verschärfen, unterstrich Mennel den Einfluss des Klimawandels auf
die ohnehin schon dramatische Lage. Er verwies auf eine Studie des
Weltklimarats, nach der bis 2050 die Wasserverfügbarkeit in einigen
trockenen Regionen der mittleren Breiten und der Tropen um zehn bis
dreißig Prozent zurückgehen könnte. Aber nicht nur in Teilen Afrikas
und Asiens seien Niederschlagsrückgänge zu erwarten, sondern auch
für den Mittelmeerraum werde mit abnehmenden Niederschlägen
gerechnet.
Prognose
zur Situation des Wassermangels im Jahr 2025
(Grafik:
International Water Management Institute 2000)
Wo
Wassermangel herrsche und viele Menschen keinen freien Zugang zu
Trinkwasser hätten, würden sie sich diesen zunehmend mit Gewalt
verschaffen, prognostizierte Professor Mennel und zeigte sich
überzeugt, dass die lebensnotwendige Ressource Wasser somit immer
mehr zu einem Konfliktstoff werde. Dabei sei die Zunahme
innerstaatlicher Kämpfe wahrscheinlicher, als zwischenstaatliche
Wasserkriege und zwar sowohl in der Konstellation arm gegen reich,
wie auch Stadt- gegen Landbevölkerung. Daneben gäbe es in
grenzüberschreitenden Flussgebieten zunehmende Konfliktpotenziale
und zwar immer dann, wenn der Oberlieger an einem Flusslauf dem
Unterlieger das Trinkwasser streitig mache, etwa durch Staudämme,
die zu Bewässerungszwecken, als Trinkwasserreservoir oder zur
Stromerzeugung angelegt würden. Diese führten im Unterlauf wegen
verringerter Wasserführung zu temporärer oder dauerhafter
Wasserverknappung.
Zwischen
den Nilanrainern Ägypten und Äthiopien wäre es Mitte der 90er Jahre
fast zu einem Waffengang gekommen, weil die Äthiopier am Blauen Nil
einen Staudamm errichten wollten, schilderte der Geowissenschaftler
die Brisanz solcher Wasserkonflikte. Dazu müsse man wissen, dass
Ägypten ohne das Wasser des Blauen Nils, das zu rund fünfundachtzig
Prozent aus Äthiopien komme, verdursten würde. Der von vielen
Experten erwartete Militärschlag sei jedoch nicht eingetreten, da
sich alle 10 Nilanrainerstaaten zu einer friedlichen Kooperation
durchringen konnten. So habe die praktische Zusammenarbeit im
Nilbecken den Konflikt um das Wasser des Nils spürbar entschärft.
Nilanrainerstaaten
(Grafik:
www.geographen.info)
Im
Gegensatz zur positiven Entwicklung im Nilbecken sei der Kampf um
die lebensnotwendige Ressource Wasser im spannungsgeladenen Nahen
Osten bittere Realität. Seit je her hinge das Leben in der Region
vom Wasser des Jordan ab. Der vom Jordan gespeiste See Genezareth
sei der Trinkwasserspeicher, der ganz Palästina mit dem
lebensspendenden Wasser versorge. Wer die Kontrolle über das Wasser
ausübe, habe zugleich auch die Kontrolle über die Länder und
Menschen in der Region. Derzeit verfügten die Israelis über alle
Wasserreserven in Palästina. Sie kontrollierten insbesondere von den
in 1968 von den Syrern eroberten Golan-Höhen die Quellen des
Jordans. Daher haben die Golan-Höhen eine so große strategische
Bedeutung, betonte Mennel. Durch eine Sperre des
Wasserabflusses vom See Genezareth in den Jordan in Richtung Totes Meer
verfügten die Israelis über genügend
Trinkwasser. Dieses werde über ein Wasserleitungsnetz in Israel
verteilt, was ganz entschieden zum wirtschaftlichen Aufschwung
des Landes beigetragen hätte. Auf der anderen Seite entziehe die
Wasserumleitung aber den Nachbarstaaten Syrien und Jordanien sowie
den Palästinensern dringend benötigtes Wasser. Insbesondere für die
palästinensische Agrargesellschaft sei dies von existenzieller
Bedeutung. Professor Mennel zeigte sich daher überzeugt, dass es
ohne eine gerechte Aufteilung des Wassers zwischen Israelis und
Palästinensern keinen Frieden geben könne.
Der
Wasserkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern
(Grafik:
Geographische Rundschau 2/2002)
Abschließend widmete sich der
Geowissenschaftler der Ober- /Unterliegerproblematik an Euphrat und
Tigris. Durch die Ursprünge
dieser wasserreichsten Flüsse in der Region Nahost in der Türkei
hätte dieses Land eine einzigartige wasserstrategische Position, so
Mennel. Heute kontrolliere es nahezu das gesamte Wasser des Euphrat
und über fünfzig Prozent des Wasseraufkommens des Tigris. Die Türkei
erhebe Souveränitätsrechte auf diese Wasservorkommen. Ein riesiges
Staudammprojekt, das so genannte ,,Südost-Anatolienprojekt (GAP)",
würde nach den Planungen der türkischen Regierung die
Stromproduktion des Landes auf biszu 27 Milliarden Kilowattstunden
jährlich erhöhen, was einer Steigerung von siebzig Prozent
entspräche.Da dies den gesamten türkischen
Energiebedarf deutlich übersteige, läge der Schluss nahe, dass derStrom künftig auch in die
arabischen Nachbarstaaten exportiert werden solle, unterstrich
Mennel die strategische Bedeutung dieses ehrgeizigen
Staudammprojekts. Ziel sei es ferner, eine Fläche von 1,6 Millionen
Hektar künstlich zu bewässern und damit zurlandwirtschaftlichen Nutzfläche
umzuwandeln. Damit solle nicht nur die Versorgungslage dereigenen Bevölkerung verbessert
werden, sondern durch den Export landwirtschaftlicher Produkte in
die Nachbarstaaten eine erhebliche wirtschaftliche Steigerung
erzielt werden. Die Unterlieger des
Euphrat, Syrien und Irak, sähen allerdings durch die türkischen
Staudammprojekte ihre wasserpolitischen Interessen in Gefahr. Ihre
Besorgnis liege darin begründet, dass sie aufgrund des verringerten
Wasserabflusses in ihre Länder eine verschlechterte Wasserqualität
und natürlich geringere Abflussmengen hinnehmen müssten. Sollten
sich die Türkei, Syrien und der Irak nicht auf gerechte Verteilung
der Wassermengen einigen können, drohe ein weiterer
grenzüberschreitender Wasserkonflikt.
Das
,,Südost-Anatolien-Staudammprojekt (GAP)"
(Grafik:
Geographische Rundschau 2/2002)
Professor
Mennel resümierte, dass es Wasserkonflikte seit jeher gegeben hätte,
dass den rund 37 zwischenstaatlichen Konflikten in der 2. Hälfte des
20. Jahrhunderts, bei denen militärische Gewalt angewendet wurde,
aber auch 200 Kooperationsabkommen gegenüberstünden, mit denen
solche Konflikte einer friedlichen Lösung zugeführt wurden. Das
Konfliktpotenzial sei aber erheblich. So seien natürlich in Zukunft,
insbesondere in Regionen die ohnehin voller Spannungen seien, Kriege
um Wasser nicht völlig auszuschließen.
Text:
Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann, Sektionsleiter GfW-Sektion Halle
Pressebericht zur
Veranstaltung zum Herunterladen als Word-Datei
Pressebericht
(Nurtextversion) zur
Veranstaltung zum Herunterladen als Word-Datei
Bericht des
Reservistenmagazins "loyal" zur
Veranstaltung
Welt im Wandel –
Sicherheitsrisiko Klimawandel
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen
Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg
268 S., 37 Abb., 6 Tab., geb., EUR 79,95
ISBN 978-3-540-73247-1
„Der
WBGU hat mit dem Gutachten 'Sicherheitsrisiko Klimawandel' ein Thema
aufgegriffen, das es zu Recht nach ganz oben auf die internationale
politische Agenda geschafft hat. Die Autoren belegen zweifelsfrei,
dass in einer vom Klimawandel geprägten Welt die Destabilisierungs-
und Konfliktrisiken ansteigen werden. In dem Bericht werden
besonders jene Regionen beleuchtet, die - wenn der Klimawandel
ungebremst voranschreitet - im 21. Jahrhundert von Konfliktrisiken
besonders betroffen sein werden. Das Gutachten macht damit deutlich,
dass Klimapolitik vorbeugende Sicherheitspolitik ist.“
Achim Steiner,
Untergeneralsekretär bei den Vereinten Nationen. Exekutivdirektor
des UN-Umweltprogramms (UNEP)
Eine Zusammenfassung für
Entscheidungsträger (20 Seiten) kann
hier als
pdf-Datei heruntergeladen werden.