Nachschau - Veranstaltung am 08.10.2008

Energiesicherheit im 21. Jahrhundert

Die verkannte Bedeutung der zukünftigen Versorgungssicherheit

Halle. Im Rahmen ihrer vierten Wintervortragsreihe lud die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. - Sektion Halle unter dem Leitthema „Energiesicherheit – Energie und Sicherheit im 21. Jahrhundert“ gemeinsam mit dem Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt, der Stadt Halle und erstmalig auch der Jakob-Kaiser Stiftung e.V. am 08. Oktober 2008 in das Stadthaus Halle ein.

Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann durfte als Sektionsleiter, wie bereits in den vergangenen Jahren, wiederum zahlreiche Teilnehmer, allen voran Generalleutnant a.D. Jürgen Höche, der eigens aus Berlin angereist war um der Veranstaltung beizuwohnen, in den Räumlichkeiten des Großen Festsaals, willkommen heißen.

Als Referent des ersten Vortrags dieser Reihe begrüßte er Dr. Frank Umbach, der als Senior Associate für Internationale Energiesicherheit am Centre for European Strategies (CESS) München – Berlin zum Thema „Die verkannte Bedeutung der zukünftigen Energieversorgungssicherheit“ sprach.

Dr. Umbach begann seinen brillanten Vortrag mit der grundsätzlichen Feststellung, dass die Energienachfrage gerade durch Schwellenländer wie China weltweit steigen werde. Das Dilemma, dass Energie als knapper werdendes Gut immer teurer werden würde, käme unaufhaltsam näher, so dass auch zukünftige Ressourcenkriege nicht mehr ausgeschlossen werden könnten. Deutschland sei als Industrienation heute, wie auch zukünftig, von Energieimporten abhängig.

Umbach erinnerte an die Energiekrise der 70er Jahre. Plötzlich sei für den Westen kein, respektive nicht mehr ausreichend Öl vorhanden gewesen, was zum damaligen „Ölschock“ geführt habe. Die Energiepolitik sei von komplizierten ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen geprägt. Diese hätten sich in den vergangenen Jahren bereits stark verändert. Die Energiepreise hätten sich seit 2001 verfünffacht. Leider sei die Energiediskussion in Deutschland immer noch sehr provinzialistisch geprägt und ließe globale Aspekte außen vor.

Diese Zusammenhänge stellte Umbach an Beispielen der strategischen Trends der internationalen Energieversorgung, der geopolitischen Risikofaktoren, der EU-Energiesicherheit, der Energieaußenpolitik der EU und Deutschlands und der Europäisch-Russischen-Energiesicherheit dar.

Deutschland sei als Exportweltmeister extrem abhängig vom Energiezufluss und damit auch von der politischen und wirtschaftlichen Stabilität anderer Länder. Der Export würde aber zu einem wesentlichen Teil den Lebensstandard in Deutschland begründen. Deutschland sei auch keine Wohlstandsoase, die abgekoppelt von den weltpolitischen Entwicklungen existieren würde. Der Begriff „Energiesicherheit“ würde die Verfügbarkeit von Energie, zu allen Zeiten, in verschiedenen Formen, in ausreichender Menge und zu erschwinglichen Preisen beschreiben. Der russisch-ukrainische Gaskonflikt zu Beginn des Jahres 2006 habe im Frühjahr 2007 zu einem neuen „EU-Energiefokus“ mit dem Ziel einer globalen Klimapolitik geführt.

Der Referent wies darauf hin, dass die Erdölreserven in der Nordsee in den nächsten 20 Jahren aufgebraucht sein würden. Damit würde der Import von Erdöl aus Ländern politisch instabiler Regionen noch mehr an Bedeutung gewinnen. Diesbezüglich sei die Frage, ob auch zukünftig für alle EU-Staaten eine ausreichend hohe Energiesicherheit gegeben sei, zu stellen.

Es bestünde ein Trias der Energiesicherheit, bestehend aus Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit/ Klimaschutz und Versorgungssicherheit. Von einer Schieflage innerhalb dieses Dreiecks, vor allem aber von einer ungenügenden Fokussierung auf die Versorgungssicherheit, würde eine stete Gefahr ausgehen. Globale wirtschaftliche und politische Entwicklungen sowie ihre Auswirkungen habe die EU weitgehend verschlafen und ignoriert. Stattdessen sei durch die Mitgliedsstaaten ein „Energienationalismus“ gepflegt worden. Diese Entwicklungen hätten zu einer Veränderung des Machtverhältnisses zwischen Energieproduzenten und –konsumenten zugunsten der Energieproduzenten geführt. Hieraus wiederum seien weitreichende Auswirkungen auf die Außen- und Sicherheitspolitik sowie die politische Stabilität vieler Länder und Regionen, u. a. auch des Irans, Russlands oder Venezuelas entstanden.

Das traditionelle Konzept der westlichen Energieversorgungssicherheit der 70er und 80er Jahre sei von einem breiten Energiemix, der maximalen Ausnutzung heimischer Ressourcen, der Maximierung von Energieeinsparmöglichkeiten und der Bildung strategischer Reserven, somit von einer Diversifizierung von Energieträgern und des Energieimports ausgegangen.

Wichtig sei ein weiterer Auf- und Ausbau guter politischer Beziehungen mit den Erdölproduzenten und den Transitländern. Während die USA heute lediglich zu 22- 23 %  von Lieferungen aus dem Nahen Osten abhängig seien, würde die deutsche Abhängigkeit bereits 30 % und die der asiatischen Länder über 70 % betragen. Vor diesem Hintergrund sei die US-amerikanische Frage, wieso sich gerade die Amerikaner mit ihren Soldaten mehr als andere Länder in dieser Region engagieren sollen, durchaus zu diskutieren.

Oftmals sei auch eine Unterschätzung der globalen Energienachfragezunahme sowie eine Überschätzung der globalen Reserve- und Förderkapazitäten festzustellen. Die eigentliche Problematik läge nicht so sehr in der Endlichkeit von Rohöl- und Erdgasreserven, sondern vielmehr in der Anhäufung von Krisen in den Exportstaaten und den begrenzten freien Produktions-, Raffinerie- und Transportkapazitäten. Es sei ein riesiger Investitionsbedarf in neue Infrastrukturen erforderlich. Voraussetzung hierfür sei jedoch die politische Stabilität in den betreffenden Regionen.

Der Ölpreis sei derzeit stark von Veränderungen der internationalen Machtbalance und der Schwäche des US-Dollars geprägt. Auf Spekulationen würden nur ein Anteil von ca. 10 – 20 US-$ entfallen.

Hinsichtlich alternativer Energieträger bemerkte Dr. Umbach, dass selbst in optimistischen Szenarien von maximal 17 % erneuerbarer Energieträger im Jahr 2030 ausgegangen wird. Dies würde auch zukünftig eine starke Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nach sich ziehen. Der zusätzliche globale Energiebedarf würde bis ins Jahr 2030 mit einer Zunahme von 37 – 59 % prognostiziert. 2/3 davon würden allein auf China und Indien entfallen. Erst nach 2030 würden erneuerbare Energieträger eine größere Rolle spielen. 70 % der chinesischen Energienachfrage würde heut mittels Kohle gedeckt. Dies solle zwar bis zum Jahr 2030 auf 50 % reduziert werden, was vor dem Hintergrund der steigenden Energienachfrage in China trotzdem eine Verdoppelung des Kohlebedarfs bedeuten würde. Insgesamt ginge man von einer Verdoppelung des Energiebedarfs in Asien bis zum Jahr 2025 aus. Der Anteil an Atomenergie würde zwar in den EU-Staaten ab-, in Asien jedoch deutlich zunehmen.

 90 % der globalen Erdölreserven befänden sich in islamischen Ländern und ein Großteil des Transports müsse über die Weltmeere und durch Nadelöhre wie die Straße von Hormus erfolgen. Allein durch diese Meerenge würde heute 1/4 der weltweiten Erdölproduktion transportiert. Bis zum Jahr 2030 stiege dieser Anteil auf 1/3 an. Ähnliches gelte für die Straße von Malacca, einer Meeresstraße in Südostasien, die die Andamanensee mit dem Südchinesischen Meer und der Javasee verbindet und an ihrer engsten Stelle nur 1,5 Seemeilen (2,8 km) breit ist. Somit käme der maritimen Sicherheit zukünftig eine entscheidende Bedeutung zu. Zudem sei es wichtig, mehr Flüssiggas mit Tankern zu transportieren, als von unflexiblen und leicht angreifbaren Pipelines abhängig zu sein. Der Ölexport mache 75 – 90 % der Staatseinnahmen der arabischen OPEC-Staaten aus.

Gegenwärtig seien 85 % der globalen Erdöl- und 70 % der Erdgasreserven in der Hand staatlicher oder semistaatlicher Organisationen. Dies würde eine extreme Abhängigkeit (z. T. bis zu 100 %) der EU-Staaten von russischem Gas bedeuten. Die Energiereserven der Welt würden somit zunehmend nicht nur von einzelnen Staaten, sondern sogar von einzelnen Unternehmen, wie z.B. der russichen Gazprom kontrolliert. Um dieser Entwicklung begegnen zu können, befänden sich derzeit mehrere nichtrussische Erdgaspipelines in Planung.

Umbach wies darauf hin, dass eine gemeinsame Energieaußenpolitik der EU dringend erforderlich sei, da die EU-Abhängigkeit von Russland 25 % des Ölimports und 50 % des Gasimports umfassen würde (Deutschland 32 % des Ölimports und des 41 % Gasimports). Zudem entstünde ab dem Jahr 2010 eine russische „Gaslücke“.

Zusammenfassend stellte der Referent fest, dass zukünftig mehr staatliche Forschungsgelder notwendig seien und die ökonomische Entwicklung mehr denn je von stabilen innen- und regionalpolitischen Rahmenbedingungen abhängig wäre. Eine gemeinsame Energieaußenpolitik der EU-Staaten sei dringend erforderlich. Zudem müsse die EU die Unsicherheit in der Realisierung ihrer eigenen Strategien zur Förderung erneuerbarer Energien beenden. Die globalen Risiken nähmen zu und hinsichtlich einer Lösung der globalen energiewirtschaftlichen Herausforderungen sei die Einbeziehung aller Energieträger erforderlich.

Im Anschluss an den Vortrag stand Dr. Umbach für zahlreiche Fragen seiner Zuhörer zur Verfügung. Auch während des anschließenden Empfangs wurde lebhaft diskutiert und im persönlichen Gespräch nochmals die hervorragende Qualität seines Vortrags gelobt.

Die GfW weist bereits heute auf die nächste Veranstaltung im Rahmen ihrer Wintervortragsreihe hin. Diese wird am 12. November 2008, um 19.30 Uhr im Stadthaus Halle stattfinden. Dr. Phil. Oliver Geden wird zum Thema „Europas Politik für mehr Versorgungssicherheit – Zwischen solidarischem Energiebinnenmarkt und Energieaußenpolitik“ vortragen.

Text und Foto: Oberfeldapotheker Hartmut Berge

Veranstaltungsbericht im Reservistenmagazin "loyal" Nr. 01/2009

Mehr zum Thema hier (pdf-Datei)

 

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