Desertifikation, Hunger, Elend und Staatszerfall
Halle.
Am
Mittwoch, den 10. Februar 2010, setzte die Sektion Halle der Gesellschaft
für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. ihre Wintervortragsreihe 2009/2010
zum Leitthema „Sicherheitsrisiko Klimawandel – Die Krisen der Zukunft?“
fort mit einem Vortrag von Professor Dr. Rainer Tetzlaff aus Hamburg zum
Thema „Desertifikation, Hunger, Elend und Staatszerfall in Zentralafrika“,
bei dem die besondere Anfälligkeit des afrikanischen Kontinents für den
Klimawandel im Mittelpunkt stand. Diese Kooperationsveranstaltung der
GfW-Sektion Halle mit der Stadt Halle, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt
der Bundeswehr, dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.
– Landesgruppe Sachsen-Anhalt und der Jakob-Kaiser-Stiftung, Königswinter
und Weimar, lockte trotz widriger Wetterverhältnisse nahezu 100
sicherheitspolitisch interessierte Bürger ins Stadthaus.
Professor Dr.
Rainer Tetzlaff, der sich über 40 Jahre lang der wissenschaftlichen
Erforschung Afrikas widmete und den zahlreiche Forschungsaufenthalte auf
den
afrikanischen
Kontinent führten, präsentierte sich nicht nur als ausgewiesener
Afrikakenner, sondern outete sich dem Auditorium zugleich als Bewunderer
der kulturellen Vielfalt und Schönheit des schwarzen Kontinents. „Afrika
existiere nur im Plural“, unterstrich der Wissenschaftler die ethnische,
kulturelle und religiöse Mannigfaltigkeit sowie die politische und
ökonomische Heterogenität Afrikas in Folge völlig unterschiedlich
verlaufener Entwicklungen in der postkolonialen Phase bis in die heutige
Zeit hinein. Die Unterschiede reichten von sehr kleinen Ministaaten bis
hin zu flächenmäßig recht großen Staaten, von rohstoffreichen Ländern mit
Meeresküsten bis hin zu rohstoffarmen Sahelzonenländern ohne Zugang zu den
Weltmeeren, von ethnisch-religiös relativ homogenen bis hin zu extrem
heterogenen Staaten sowie von politisch und sozio-ökonomisch stabilen
Staatsgebilden bis hin zu einer Gruppe von institutionell fragilen und
politisch schwachen Staaten, sogenannten „failing states“ oder auch
„failed states“, die vom Staatszerfall bedroht seien. Professor Tetzlaff
stellte in diesem Zusammenhang bedauernd fest, dass sich hierzulande die
Berichterstattung über Afrika zu sehr auf Krisen und Konflikte
konzentriere, die vielen positiven Entwicklungen dagegen kaum ein
öffentliches Medium fänden. Das Thema des Vortrags verlangte es aber, dass
auch er sich an diesem Abend im Halleschen Stadthaus hauptsächlich mit den
„dunklen Seiten“ dieses Kontinents befassen musste.
Generell sei
Afrika als Verlierer der Globalisierung zu bezeichnen, betonte Tetzlaff
und erläuterte, dass in den Staaten Afrikas südlich der Sahara 11% der
Weltbevölkerung lebten, deren Anteil am Volkseinkommen (BSP) und an den
Exporten der Staaten in der Welt aber nur knapp 2% betrüge. Die Staaten
Subsahara-Afrikas umfassten 32 der 48 ärmsten Länder der Welt und das
Pro-Kopf-Einkommen dort sei weiter rückläufig. Diese Negativentwicklung
habe vielfältige Ursachen, sei sowohl Folge des Kolonialismus, des
Fehlverhaltens der postkolonialen Staatseliten, der pandemischen
Ausbreitung von AIDS, als auch der Geographie und des Klimas, das diesen
Kontinent für den Klimawandel in besonderem Maße anfällig mache. „Die
Natur sei ungerecht und verteile ihre Wohltaten ungleich“, zitierte der
Professor den US-Historiker David Landes (vgl. D. Landes in „Wealth and
Poverty of Nations“) und fügte hinzu, dass zu allem Überfluss die
Afrikaner, obwohl sie nicht die Verursacher des anthropogenen Klimawandels
seien, die schlimmsten Folgen der zunehmenden Erderwärmung zu tragen
hätten.
Von
Desertifikation seien insbesondere die ariden und semiariden Gebiete
südlich der Sahara betroffen, so Tetzlaff. Das weitere Vordringen der
Sahara habe aber nur zum Teil natürliche Ursachen. Man müsse vielmehr von
einer durch menschliches
Handeln, insbesondere durch gravierende Fehler bei Ackerbau und Viehzucht,
verursachter Desertifikation ausgehen. Hauptsächlich hätten Überweidung,
Entwaldung und bedingungslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zur
Erosion und Austrocknung der ohnehin fragilen Böden mit einer nur dünnen
Humusschicht geführt mit dem Ergebnis, dass Viehzucht in weiten Teilen
Afrikas nicht mehr möglich sei und die landwirtschaftliche Produktivität
einen Tiefpunkt erreicht hätte, so dass dieser Agrarkontinent heute
Nahrungsmittel importieren müsse!
Die Afrikaner seien „Grenzgänger“,
verwies Professor Tetzlaff auf den englischen Historiker John Iliffe, die
der Menschheit einen großen Gefallen getan hätten, indem
sie
extrem abweisende Naturregionen für die menschliche Zivilisation
erschlossen. Die Menschen in der ariden Sahel-Zone südlich der Sahara
hätten es vermocht, sich mit den prekären Klimaverhältnissen zu
arrangieren, wenn auch zum Preis großen Leidens und dauerhafter Armut. Der
Klimawandel verursache durch Dürren, Ernteausfälle und
Trinkwasserknappheit nun aber zusätzlichen Umweltstress, verstärke die
Verwundbarkeit dieser ohnehin fragilen Gesellschaften und fördere den
Verarmungsprozess in ländlichen Regionen. Dort wo das Land den Menschen
wegen Wassermangel und Nahrungsmittelknappheit keine Lebensgrundlagen mehr
böte, fände eine massenhafte Flucht in die Städte statt, die diesem
sprunghaften Ansturm an Menschen aber in keiner Weise gewachsen seien. Es
entstünden, dargestellt am Beispiel Lagos, unregulierbare Megacities, in
deren Slums Millionen
von Landflüchtlingen vegetierten, ohne jede Chance auf Arbeit, ein
besseres Leben, auf sauberes Wasser, auf ein Dach über dem Kopf, auf
Bildung oder Gesundheitsfürsorge. Diese katastrophalen Bedingungen
begünstigten vor allem die schnelle Verbreitung von HIV/AIDS, was zu
alarmierenden sozialen Degradationserscheinungen führe.
Wirtschaftliche
Verarmung und soziale Verelendung seien sichtbarer Ausdruck
gesellschaftlicher Entkräftung und politischer Destabilisierung,
erläuterte Professor Tetzlaff. Dort wo staatliche Institutionen nicht mehr
in der Lage seien, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, staatliche
Funktionen flächendeckend wahrzunehmen sowie zentrale Dienstleistungen für
die Bevölkerung anzubieten, beginne ein schleichender Prozess, den man am
zutreffendsten mit Staatszerfall und Staatskollaps bezeichnen könne.
Dieser sei jedoch nicht ausschließlich durch gesellschaftliche Degradation
zu erklären. Die Wurzeln lägen tiefer, seien in erster Linie ein Erbe der
europäischen Kolonialherrschaft. Von den Kolonialmächten gebildete
Kunststaaten mit willkürlicher Grenzziehung ohne Rücksicht auf Ethnien,
Kultur und Religion, ein darauf zurückzuführender mangelnder
gesellschaftlicher Integrationswillen sowie ethnische und religiöse
Rivalitäten bis hin zu andauernden Bürgerkriegen stünden in einem
ursächlichen Zusammenhang mit dem Zerfall staatlicher Macht. Zudem
provoziere die vielfach ungerechte staatliche Herrschaft afrikanischer
Despoten, die sich jeglichen demokratischen Wahlen entzögen, Gegengewalt
von den Rändern der Gesellschaft her, was die Zentralgewalt ebenso
schwäche. Wo staatliche Autorität erodiere und staatliche Institutionen
kollabierten, entstünden gewaltoffene Hohlräume staatlicher Macht, in die
sich parastaatliche Autoritäten einnisteten, so genannte Warlords,
kriminelle Banden, marodierende Rebellen oder ethnische Milizen, die das
Land mit Bandenterror, Vertreibung und Flüchtlingselend bis hin zum
Genozid überzögen, beschrieb Professor Tetzlaff das Schreckensszenario des
afrikanischen Umbruchs. Zerfallende Staaten seien außerdem ideale
Rückzugsräume und Operationsbasen für transnational arbeitende kriminelle
und terroristische Netzwerke, machte der Wissenschaftler darauf
aufmerksam, dass „failed states“ zugleich auch ein Risiko für die
internationale Sicherheit darstellten. Umso mehr sei die internationale
Staatengemeinschaft gefordert, die schwierigen Anpassungsprozes se
afrikanischer Gesellschaften mit Klugheit, Augenmaß und Geduld zu begleiten.
So gelte es unter anderem, die bisherige Entwicklungshilfe auf den
Prüfstand zu stellen,
die im
zurückliegenden Jahrzehnt vielfach falsche Prioritäten setzte,
schlimmstenfalls nur der Alimentierung korrupter Regierungen diente.
Entwicklungshilfe sollte nur subsidiär
geleistet werden, also Hilfe zur Selbsthilfe sein.
Aus seiner Sicht sei anstatt auf
Demokratie und Wahlhilfe ein größeres Augenmerk auf Rechtsstaatlichkeit
und die Absicherung staatlicher Kernaufgaben, wie Sicherheit, Bildung,
Gesundheit und Infrastruktur zu legen, resümierte Professor Tetzlaff.
Die
Wintervortragsreihe zum Leitthema „Sicherheitsrisiko Klimawandel – Die
Krisen der Zukunft“ findet ihren Abschluss am Dienstag, den 23. März 2010,
mit einem Vortrag zum Thema „Klimaflüchtlinge. Die verleugnete
Katastrophe“. Als Referent konnte der Hamburger Professor für
Internationale Politik und zugleich Autor der gleichnamigen
Greenpeace-Studie, Dr. Cord Jakobeit, gewonnen werden.
Text: Jürgen
Rann, Oberstleutnant a.D., GfW-Sektionsleiter Halle
Fotos Stadthaus:
Uwe Weber, StFw d.R., VdRBw-Halle
Vortragsfotos: Archivbilder des Referenten
Pressebericht (nur Text) zur
Veranstaltung zum Herunterladen und Ausdrucken
Vortragsfolien des
Referenten zum Herunterladen und Ausdrucken
Links
zu weiterführenden Publikationen von Rainer Tetzlaff zum Thema:
"Afrika als
Teil der vierten Welt, der Welt der erodierenden Staatlichkeit -
abgeschaltet von der Globalisierung?"
http://www.sef-bonn.org/download/veranstaltungen/2003/2003_fachws-beirat_tetzlaff_de.pdf
"Die Staaten
Afrikas zwischen demokratischer Konsolidierung und Staatszerfall"
http://www1.bpb.de/themen/0Y8A9T,0,0,Die_Staaten_Afrikas_zwischen_demokratischer_
Konsolidierung_und_Staatszerfall.html
"Rettung für Afrika?"
http://www.welttrends.de/downloads/WT33_Tetzlaff.pdf
" 'Failing States' in Afrika"
"Genozid in Afrika. Darfur:
fernbleiben oder sich einmischen?"
http://www.internationalepolitik.de/ip/autor/authors/4b633f16f70511da8d52cbd5365c6aaf6aaf/1.html |