Nachschau - Veranstaltung am 11.02.2009

Vortragsabend 

in Kooperation mit

Stadt Halle 

Landeskommando Sachsen-Anhalt 

VdRBw e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt

und 

Jakob-Kaiser-Stiftung e.V.

 

 Klimapolitik und

Energieversorgungssicherheit – 

Zwei Seiten derselben Medaille

Dr. rer. pol. Friedemann Müller

Nonresident Fellow

Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

Deutsches Institut für Internationale Politik

und Sicherheit, Berlin

Mittwoch, 11. Februar 2009, 19:30 Uhr

Gr. Festsaal im Stadthaus

Marktplatz 2, 06108 Halle

 

 

Klimapolitik und Energieversorgungssicherheit –

Zwei Seiten derselben Medaille

Halle. Im Rahmen ihrer vierten Wintervortragsreihe konnte die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. - Sektion Halle - unter dem Leitthema „Energiesicherheit im 21. Jahrhundert“ gemeinsam mit dem Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt, der Stadt Halle sowie der Jakob-Kaiser Stiftung e.V. am 11. Februar 2009 im Stadthaus Halle wiederum zahlreiche Teilnehmer willkommen heißen.

Als Referent begrüßte Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann, Dr. rer. pol. Friedemann Müller von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit Berlin, der zum Thema „Klimapolitik und Energieversorgungssicherheit – Zwei Seiten derselben Medaille“ sprach.

Zu Beginn seines Vortrags betonte Dr. Müller die steigende Bedeutung der Klimaproblematik, die mittlerweile selbst in den USA zur Kenntnis genommen werden würde. Diesbezüglich habe Präsident Obama fünf Tage nach seinem Amtsantritt gesagt: „Amerika wird sich nicht zur Geisel schwindender Ressourcen und eines sich aufheizenden Planeten machen“.

Der Referent stellte im ersten Teil seines Vortrags die Fragen, warum Energieversorgungssicherheit und Klimapolitik zwei Seiten einer Medaille seien, was das untrennbare Gemeinsame wäre und welche Problematiken sich daraus ergeben würden.

Dr. Müller bemerkte vorab, dass Energie in Form von Feuer zum Wärmen, Kochen oder Schmieden schon seit Jahrtausenden genutzt würde. Auch Wind- und Wassermühlen gäbe es bereits seit Jahrhunderten. In großem Stile würde Energie zum Betreiben von Maschinen jedoch erst seit der einsetzenden Industrialisierung gebraucht. Im Gegensatz zu den vorausgegangenen Jahrhunderten gäbe es ohne Energie kein Wachstum mehr. Wohlstand und Mobilität seien abhängig von der Erschließung fossiler Energie, die jedoch begrenzt sei.

Der globale Produktionshöhepunkt bei Öl sei in maximal zwei Jahrzehnten, wahrscheinlich jedoch viel früher, erreicht. Grundsätzlich müsse die Menschheit nicht unbedingt Energie sparen, da diese in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen würde, sondern sich darüber klar werden, dass die Nutzung fossiler Energien nicht von Dauer sei. Das Ölzeitalter stelle nur einen Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte dar. Gleiches gälte für Kohle und Gas. Verschärft würde diese Problematik durch die Sehnsucht nach wachsender Mobilität der aufstrebenden asiatischen Staaten, die bereits heute den Großteil der globalen Erdölproduktion für sich in Anspruch nehmen würden. Dies sei jedoch nur die Beschaffungsseite.
Hinsichtlich der Verbrauchsseite müssten wir uns bewusst werden, dass die fossilen Energien Öl, Gas und Kohle ca. 300 Millionen Jahre lang dem Ökosystem Kohlenstoff entzogen hätten. Diese Mengen an Kohlenstoff werden nun durch die Verbrennung der aus der Erde zurückgeholten Energieträger in einem Zeitraum von nur 300 Jahren in den Ökokreislauf zurückgepumpt. Unbestritten sei, dass die Treibhausgaskonzentration (THG) in der Atmosphäre über viele tausende von Jahren bis zum Jahr 1800 ziemlich konstant bei 280 ppm lag und seither in einem atemberaubenden Tempo auf 380 ppm angestiegen sei. Das Kohlenstoffdepot würde in Form von Treibhausgasen von der Erde in die Atmosphäre verlagert, was zu unkontrollierbaren Risiken und Nebenwirkungen führen würde.

Die zweite Seite der Medaille beträfe die Energieversorgungssicherheit. Öl würde knapper, die Begehrlichkeiten jedoch immer größer, was unweigerlich zu Spannungen führen müsse. Das Hauptproblem sei jedoch noch sehr viel komplexer.

Seit der Club of Rome 1972 mit den „Grenzen des Wachstums“ auf sich aufmerksam machte, wurde die Menschheit von den Ölkrisen der 1970er Jahre sowie den 1. Irak-Krieg schockiert, was zu einer Effizienzverbesserung sowie der Neuerschließungen, resp. der Substitution von Öl   durch Gas geführt habe. Die Macht der OPEC sei damals gebrochen worden. Seit 1999 habe sich dies jedoch wieder geändert, da die neu erschlossenen Energiequellen bereits in absehbarer Zeit wieder erschöpft seien. Die Nachfrage würde ansteigen und seit 15 Jahren wäre zum ersten Mal eine Mengenbegrenzung eingeführt worden, was steigende Ölpreise zur Folge gehabt habe. Eine Preissteigerungen von 10 USD (1999) auf 150 USD (Mitte 2008), danach wiederum ein Abfall auf 36 USD (Ende 2008) sei die Folge gewesen. 

Im Gegensatz zu den 70er Jahren wäre dieses Mal jedoch keine konsequente Reaktion des Marktes erfolgt. Statt weitere Neuerschließungen voranzutreiben, hätte sich die Macht auf die OPEC konzentriert, die Produktion der Verbraucherländern abgenommen und Asiens säkulare Nachfrage wäre weiterhin angestiegen.

Drei Konfliktlinien seien von besonderer Brisanz:

Die Monopolisierung verbleibender Ölreserven und die damit verbundene Macht der Anbieter;

die selbst verschuldete Abhängigkeit der Erdgaslieferungen von Russland (kein Flüssiggashafen und fehlende Leitungen);

die Tatsache, dass die neuen Verbraucher für sich ein moralisches Recht auf Zugang zu den Ressourcen in Anspruch nähmen. In naher Zukunft gäbe es nur noch im Mittleren Osten, der bereits heute überwiegend nach Asien liefern würde, Öl.

Hinsichtlich der Klimaveränderungen stünde die Welt vor einem weiteren Problem. Durch die Zunahme der Treibhausgaskonzentration, würde die globale Durchschnitttemperatur steigen. Die Folge sei eine Erhöhung der Meeresspiegel, eine Ausdehnung der Wüsten sowie eine Zunahme von Stürme und  Fluten. Insgesamt seien etwa drei Viertel aller THG-Emissionen Folgen des Verbrauchs fossiler Energien. Der Rest entfiele z.B. auf Waldrodungen und Methan-Emissionen der Landwirtschaft (Verdauung Nutztiere).

Das Problem der THG-Emissionen habe man bereits im 19. Jahrhundert erahnt, jedoch konnten diese Vermutungen erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich unterlegt werden.

Das Kyoto-Abkommen von 1997 schriebe zwar für alle Industriestaaten, nicht aber für die Schwellenländer,  Emissionsmengenbegrenzungen vor. Gleichzeitig bestünde ein Problem doppelter Asymmetrie. Während die Industrieländer hohe Pro-Kopf-Emissionen aufzuweisen hätten, würden die Schwellenländer über hohe Wachstumsraten verfügen. Indien und China hätten dabei schon immer auf gleiche Emissionsrechte pro Kopf gedrängt.

Lösung sei eine möglichst schnelle Energiewende, weg von fossilen Brennstoffen, die diesen Namen auch verdienen würde. Hierbei müssten die Politiker auch seitens ihrer Bürger die notwendige Unterstützung erfahren, da sie sich gegen massive Interessen der Automobilbranche und Energieunternehmen durchsetzen müssten.

Die Medien müssten ein Problembewusstsein mit Tiefgang schaffen und den notwendigen Druck auf die Politik zu erzeugen.

Problematisch sei auch die Tatsache, dass in der internationalen Politik notwendige Instrumente fehlen würden - alles müsse im Konsens geschehen, um das als notwendig Erkannte umzusetzen. Es gäbe aber auch positive Beispiele von internationalen Vereinbarungen, die funktionieren und Probleme lösen würden. Als Beispiel sei das Übereinkommen des Ozonregimes (Montreal-Protokoll 1988) genannt, welches, wenn auch erst nach ca. 50 Jahren, funktionieren würde.

Abschließend forderte Dr. Müller drei Initiativen:

Ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll: Es müsse ein globales Emissionshandelssystem entwickelt werden, welches Gesamtmengen fixieren und reduzieren würde. Emissionen müssten einen Preis bekommen, der sich auf die Kosten von Produkten niederschlagen würde. Als Folge würde der Markt effiziente Lösungen finden. Ab 2010 wäre auf europäischer Ebene ein diesbezüglich perfektes System vorhanden. Die Gefahr sei jedoch, dass Industrien abwandern würden, wenn Emissionen anderenorts keinen Preis hätten. Bereits mit einem Prozent des Weltsozialprodukts wären die Probleme lösbar.

Der Ausstieg aus dem Ölzeitalter müsse vorangetrieben werden. Bislang wäre jedoch der Entwicklung alternativer Treibstoffe (Wasserstoff-, Elektroauto) zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Während der Übergangsphase müsse der sauberste fossile Energieträger, das Erdgas, besser genutzt werden, um den Ölausstieg zu erleichtern, aber auch um im Kraftwerksbereich erneuerbare Energien besser ausbalancieren zu können. Die diesbezügliche Abhängigkeit von Russland müsse durch den Aufbau von Zulieferinfrastrukturen vermindert werden.

Insgesamt müsse den Themen Klimapolitik und Energieversorgungssicherheit noch deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als dies bislang der Fall war.

Im Anschluss an seinen Vortrag stand Dr. Müller für Fragen seiner interessierten Zuhörerschaft zur Verfügung, bevor der Abend mit einem anschließenden Empfang ausklang.

Die GfW weist bereits heute auf die Abschlussveranstaltung der diesjährigen Wintervortragsreihe am 01. April 2009, 19.30 Uhr im Stadthaus Halle hin. Prof. Dr. Peter Hennicke wird als langjähriger Präsident des renommierten Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen, zum Thema „Krisenfaktor Öl: Abrüsten mit neuen Energien“ vortragen.

Text und Foto: Oberfeldapotheker Hartmut Berge

 

PowerPoint-Grafiken des Vortrags: hier klicken

Vollständige gleichnamige Publikation des Referenten: hier klicken

Beitrag zur Veranstaltung im Reservistenmagazin "loyal" Ausgabe Mai 2009

Weiterführende SWP-Publikationen (Auswahl):

Dr. Friedemann Müller - Sichere Energie im Zeichen des Klimawandels (pdf-Datei)

Dr. Friedemann Müller - Energieversorgung - Sicherheitsproblem des 21. Jahrhunderts (pdf-Datei)

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