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Klimapolitik und
Energieversorgungssicherheit –
Zwei Seiten derselben
Medaille
Halle. Im Rahmen ihrer vierten
Wintervortragsreihe konnte die Gesellschaft für Wehr- und
Sicherheitspolitik e.V. - Sektion Halle - unter dem Leitthema
„Energiesicherheit im 21. Jahrhundert“ gemeinsam mit dem Verband der
Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, dem
Landeskommando Sachsen-Anhalt, der Stadt Halle sowie der Jakob-Kaiser
Stiftung e.V. am 11. Februar 2009 im Stadthaus Halle wiederum zahlreiche
Teilnehmer willkommen heißen.
Als Referent begrüßte Oberstleutnant
a.D. Jürgen Rann, Dr. rer. pol. Friedemann Müller von der Stiftung
Wissenschaft und Politik (SWP) des Deutschen Instituts für
Internationale Politik und Sicherheit Berlin, der zum Thema
„Klimapolitik und Energieversorgungssicherheit – Zwei Seiten derselben
Medaille“ sprach.
Zu Beginn seines Vortrags betonte Dr.
Müller die steigende Bedeutung der Klimaproblematik, die mittlerweile
selbst in den USA zur Kenntnis genommen werden würde. Diesbezüglich habe
Präsident Obama fünf Tage nach seinem Amtsantritt gesagt: „Amerika wird
sich nicht zur Geisel schwindender Ressourcen und eines sich
aufheizenden Planeten machen“.
Der Referent stellte im ersten Teil seines Vortrags die
Fragen, warum Energieversorgungssicherheit und Klimapolitik zwei Seiten
einer Medaille seien, was das untrennbare Gemeinsame wäre und welche
Problematiken sich daraus ergeben würden.
Dr. Müller bemerkte vorab, dass Energie in Form von Feuer zum
Wärmen, Kochen oder Schmieden schon seit Jahrtausenden genutzt würde.
Auch Wind- und Wassermühlen gäbe es bereits seit Jahrhunderten. In
großem Stile würde Energie zum Betreiben von Maschinen jedoch erst seit
der einsetzenden Industrialisierung gebraucht. Im Gegensatz zu den
vorausgegangenen Jahrhunderten gäbe es ohne Energie kein Wachstum mehr.
Wohlstand und Mobilität seien abhängig von der Erschließung fossiler
Energie, die jedoch begrenzt sei.
Der globale Produktionshöhepunkt bei Öl sei in maximal zwei
Jahrzehnten, wahrscheinlich jedoch viel früher, erreicht. Grundsätzlich
müsse die Menschheit nicht unbedingt Energie sparen, da diese in
ausreichendem Maße zur Verfügung stehen würde, sondern sich darüber klar
werden, dass die Nutzung fossiler Energien nicht von Dauer sei.
Das Ölzeitalter stelle nur einen Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte
dar. Gleiches gälte für Kohle und Gas. Verschärft würde diese
Problematik durch die Sehnsucht nach wachsender Mobilität der
aufstrebenden asiatischen Staaten, die bereits heute den Großteil der
globalen Erdölproduktion für sich in Anspruch nehmen würden. Dies sei
jedoch nur die Beschaffungsseite.
Hinsichtlich der Verbrauchsseite müssten wir uns bewusst werden, dass
die fossilen Energien Öl, Gas und Kohle ca. 300 Millionen Jahre lang dem
Ökosystem Kohlenstoff entzogen hätten. Diese Mengen an Kohlenstoff
werden nun durch die Verbrennung der aus der Erde zurückgeholten
Energieträger in einem Zeitraum von nur 300 Jahren in den Ökokreislauf
zurückgepumpt. Unbestritten sei, dass die Treibhausgaskonzentration (THG)
in der Atmosphäre über viele tausende von Jahren bis zum Jahr 1800
ziemlich konstant bei 280 ppm lag und seither in einem atemberaubenden
Tempo auf 380 ppm angestiegen sei. Das Kohlenstoffdepot würde in Form
von Treibhausgasen von der Erde in die Atmosphäre verlagert, was zu
unkontrollierbaren Risiken und Nebenwirkungen führen würde.
Die zweite Seite der Medaille beträfe
die Energieversorgungssicherheit. Öl würde knapper, die Begehrlichkeiten
jedoch immer größer, was unweigerlich zu Spannungen führen müsse. Das
Hauptproblem sei jedoch noch sehr viel komplexer.
Seit der Club of Rome 1972 mit den „Grenzen des Wachstums“ auf
sich aufmerksam machte, wurde die Menschheit von den Ölkrisen der 1970er
Jahre sowie den 1. Irak-Krieg schockiert, was zu einer
Effizienzverbesserung sowie der Neuerschließungen, resp. der
Substitution von Öl durch Gas geführt habe. Die Macht der OPEC sei
damals gebrochen worden. Seit 1999 habe sich dies jedoch wieder
geändert, da die neu erschlossenen Energiequellen bereits in absehbarer
Zeit wieder erschöpft seien. Die Nachfrage würde ansteigen und seit 15
Jahren wäre zum ersten Mal eine Mengenbegrenzung eingeführt worden, was
steigende Ölpreise zur Folge gehabt habe. Eine Preissteigerungen von 10
USD (1999) auf 150 USD (Mitte 2008), danach wiederum ein Abfall auf 36
USD (Ende 2008) sei die Folge gewesen.
Im Gegensatz zu den 70er Jahren wäre dieses Mal jedoch keine
konsequente Reaktion des Marktes erfolgt. Statt weitere
Neuerschließungen voranzutreiben, hätte sich die Macht auf die OPEC
konzentriert, die Produktion der Verbraucherländern abgenommen und
Asiens säkulare Nachfrage wäre weiterhin angestiegen.
Drei Konfliktlinien seien von besonderer
Brisanz:
Die Monopolisierung verbleibender
Ölreserven und die damit verbundene Macht der Anbieter;
die selbst verschuldete Abhängigkeit
der Erdgaslieferungen von Russland (kein Flüssiggashafen und fehlende
Leitungen);
die Tatsache, dass die neuen
Verbraucher für sich ein moralisches Recht auf Zugang zu den
Ressourcen in Anspruch nähmen. In naher Zukunft gäbe es nur noch im
Mittleren Osten, der bereits heute überwiegend nach Asien liefern
würde, Öl.
Hinsichtlich der Klimaveränderungen stünde die Welt vor einem
weiteren Problem. Durch die Zunahme der Treibhausgaskonzentration, würde
die globale Durchschnitttemperatur steigen. Die Folge sei eine Erhöhung
der Meeresspiegel, eine Ausdehnung der Wüsten sowie eine Zunahme von
Stürme und Fluten. Insgesamt seien etwa drei Viertel aller
THG-Emissionen Folgen des Verbrauchs fossiler Energien. Der Rest
entfiele z.B. auf Waldrodungen und Methan-Emissionen der Landwirtschaft
(Verdauung Nutztiere).
Das Problem der THG-Emissionen habe man bereits im 19.
Jahrhundert erahnt, jedoch konnten diese Vermutungen erst in den 80er
Jahren des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich unterlegt werden.
Das Kyoto-Abkommen von 1997 schriebe
zwar für alle Industriestaaten, nicht aber für die Schwellenländer,
Emissionsmengenbegrenzungen vor. Gleichzeitig bestünde ein Problem
doppelter Asymmetrie. Während die Industrieländer hohe
Pro-Kopf-Emissionen aufzuweisen hätten, würden die Schwellenländer über
hohe Wachstumsraten verfügen. Indien und China hätten dabei schon immer
auf gleiche Emissionsrechte pro Kopf gedrängt.
Lösung sei eine möglichst schnelle Energiewende, weg von
fossilen Brennstoffen, die diesen Namen auch verdienen würde. Hierbei
müssten die Politiker auch seitens ihrer Bürger die notwendige
Unterstützung erfahren, da sie sich gegen massive Interessen der
Automobilbranche und Energieunternehmen durchsetzen müssten.
Die Medien müssten ein Problembewusstsein mit Tiefgang
schaffen und den notwendigen Druck auf die Politik zu erzeugen.
Problematisch sei auch die Tatsache, dass in der
internationalen Politik notwendige Instrumente fehlen würden - alles
müsse im Konsens geschehen, um das als notwendig Erkannte umzusetzen. Es
gäbe aber auch positive Beispiele von internationalen Vereinbarungen,
die funktionieren und Probleme lösen würden. Als Beispiel sei das
Übereinkommen des Ozonregimes (Montreal-Protokoll 1988) genannt,
welches, wenn auch erst nach ca. 50 Jahren, funktionieren würde.
Abschließend forderte Dr. Müller drei
Initiativen:
Ein Nachfolgeabkommen für das
Kyoto-Protokoll: Es müsse ein globales Emissionshandelssystem
entwickelt werden, welches Gesamtmengen fixieren und reduzieren würde.
Emissionen müssten einen Preis bekommen, der sich auf die Kosten von
Produkten niederschlagen würde. Als Folge würde der Markt effiziente
Lösungen finden. Ab 2010 wäre auf europäischer Ebene ein diesbezüglich
perfektes System vorhanden. Die Gefahr sei jedoch, dass Industrien
abwandern würden, wenn Emissionen anderenorts keinen Preis hätten.
Bereits mit einem Prozent des Weltsozialprodukts wären die Probleme
lösbar.
Der Ausstieg aus dem Ölzeitalter müsse
vorangetrieben werden. Bislang wäre jedoch der Entwicklung
alternativer Treibstoffe (Wasserstoff-, Elektroauto) zu wenig
Aufmerksamkeit geschenkt worden.
Während der Übergangsphase müsse der
sauberste fossile Energieträger, das Erdgas, besser genutzt
werden, um den Ölausstieg zu erleichtern, aber auch um im
Kraftwerksbereich erneuerbare Energien besser ausbalancieren zu
können. Die diesbezügliche Abhängigkeit von Russland müsse durch den
Aufbau von Zulieferinfrastrukturen vermindert werden.
Insgesamt müsse den Themen Klimapolitik
und Energieversorgungssicherheit noch deutlich mehr Aufmerksamkeit
geschenkt werden, als dies bislang der Fall war.
Im Anschluss an seinen Vortrag stand Dr.
Müller für Fragen seiner interessierten Zuhörerschaft zur Verfügung,
bevor der Abend mit einem anschließenden Empfang ausklang.
Die GfW weist bereits heute auf die
Abschlussveranstaltung der diesjährigen Wintervortragsreihe am 01. April
2009, 19.30 Uhr im Stadthaus Halle hin. Prof. Dr. Peter Hennicke wird
als langjähriger Präsident des renommierten Wuppertal Instituts für
Klima, Umwelt und Energie im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen,
zum Thema „Krisenfaktor Öl: Abrüsten mit neuen Energien“ vortragen.
Text und Foto: Oberfeldapotheker Hartmut
Berge
PowerPoint-Grafiken des Vortrags:
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Vollständige gleichnamige Publikation des
Referenten: hier klicken
Beitrag zur Veranstaltung im Reservistenmagazin "loyal"
Ausgabe Mai 2009 |