„Sicherheitsrisiko Klimawandel –
Die Krisenherde der Zukunft?“
Klimawandel - ein Thema für die
Sicherheitspolitik?
Friedensforscher warnt vor Versicherheitlichung des Klimawandels
Halle. Am Mittwoch,
dem 14. Oktober 2009, startete die Sektion Halle der Gesellschaft
für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V., in bewährter Kooperation mit
der Stadt Halle, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt der Bundeswehr,
der Landesgruppe Sachsen-Anhalt des Reservistenverbands sowie der
Jakob-Kaiser-Stiftung, im Stadthaus ihre Wintervortragsreihe
2009/2010 zum Leitthema „Sicherheitsrisiko Klimawandel – Die Krisen
der Zukunft?“. Zu diesem Thema referierte Professor Dr. Michael
Brzoska, Wissenschaftlicher Direktor des renommierten Instituts für
Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg
(IFSH).
Die
globale Erwärmung werde die Umwelt zunehmend belasten und die
Lebensbedingungen vieler Menschen verschlechtern. Unkontrollierte
Bevölkerungsbewegungen seien zu erwarten. Sie könnten vorhandene
Konflikte verschärfen, in andere Regionen weiter tragen und dort
neue erzeugen. So skizzierte der Friedensforscher welche Gefahren
gemeint seien, wenn man vom Klimawandel als Sicherheitsrisiko
spricht. Er berief sich dabei auf den „Wissenschaftlichen Beirat der
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU), einem Gremium
von neun Natur- und Sozialwissenschaftlern aus Deutschland und der
Schweiz, das 2007 eine umfangreiche Studie zu den möglichen
klimainduzierten Konfliktkonstellationen erarbeitet hat.
Die
größten Gefahren und Probleme für das Überleben von Menschen seien
laut WBGU in den Regionen zu erwarten, in denen bereits jetzt
mangels ausreichender Wasser- und Nahrungsmittelressourcen Hunger
und Armut herrsche. Dort bestünden auch die größten Risiken für die
Sicherheit im engeren Sinn. Hier wirke der Klimawandel als ein
Konfliktmultiplikator für bestehende Verteilungskämpfe um knappe
Wasser- und Nahrungsmittelressourcen und hätte infolgedessen eine
zusätzliche destabilisierende Wirkung auf ohnehin fragile
Gesellschaften. Insbesondere in Staaten mit unterentwickelten
Institutionen zur Konfliktregulierung könne sich dies in zunehmender
kollektiver Gewalt und erzwungener Migration nieder-schlagen.
Ohnehin schwachen Staaten drohe damit der Staatszerfall, durch den
weitere Rückzugsgebiete für Terroristen entstünden.
Massive
Migration aus besonders vom Klimawandel betroffenen Regionen nach
Europa und Nordamerika hätten aber auch in den großen
Industrienationen nachteilige Folgen für Frieden und Sicherheit,
erläuterte Professor Brzoska. Zunehmende militärische Interventionen
zur Abwendung humanitärer Katastrophen, zur Verhinderung der
Destabilisierung von Staaten sowie der weiteren Ausbreitung des
internationalen Terrorismus würden die internationalen Beziehungen
zusätzlich belasten, ganz zu schweigen von möglichen
Auseinandersetzungen über Grenzen durch veränderte Küstenlinien und
dem Abtauen des Eisschilds der Arktis.
Der
Klimawandel sei zweifellos konfliktträchtig und er wolle nicht in
Frage stellen, dass die globale Erwärmung negative Folgen für
Sicherheit und Frieden in einem weiten Sinn haben werde, resümierte
Professor Brzoska. Es gelte jedoch, kritisch zu hinterfragen, ob aus
diesem Konfliktpotenzial zwangsläufig Gefährdungen für Frieden und
Sicherheit im Sinne von Gewalt und Krieg erwachsen werden. Der
Wissensstand über die Zusammenhänge zwischen den massiven
Umweltveränderungen und Gewaltkonflikten sei unbefriedigend,
belastbare Voraussagen seien gegenwärtig wegen der beispiellosen
Dramatik der Klimaveränderungen nicht möglich. Der Friedensforscher
aus Hamburg warnte daher vor einer vorschnellen Versicherheitlichung
des Klimawandels, d.h. der Einordnung als ein Sicherheitsproblem,
dem nicht mit politischen, sondern mit militärischen Mitteln
begegnet werden muss. Letztere seien aber zunehmend weniger
geeignet, den Herausforderungen der Zukunft zu genügen. Folgen des
Klimawandels für Frieden und Sicherheit ließen sich effektiver durch
kooperative als durch konfrontative Maßnahmen vermeiden.
Zunächst
einmal liege es in der Hand der internationalen Staatengemeinschaft,
die Folgen des Klimawandels durch eine verantwortungsbewusste
Klimapolitik einzudämmen und somit auch deren Konfliktpotenzial für
die globale Sicherheit abzumildern. In diesem Sinne sei
Umweltpolitik zugleich auch ein unverzichtbares Element präventiver
Sicherheitspolitik. Doch selbst wenn es gelänge, die globale
Erwärmung bis 2050 auf ein Plus von 2°C zu begrenzen, werde der
Klimawandel erhebliche Anpassungs- und Gegenmaßnahmen erfordern. Der
Professor appellierte daher, anstatt in militärische Aufrüstung
lieber gezielt in Konfliktprävention zu investieren, insbesondere in
Maßnahmen zur Verminderung der Verwundbarkeit von Gesellschaften
sowie zur Stärkung der Institutionen schwacher Staaten. Dies seien
keine klassischen Elemente der Sicherheitspolitik, sondern
Instrumente der Entwicklungspolitik und einer auf zivile
Konfliktregulierung abgestellten Friedenspolitik. Damit könne man
aber Maßnahmen benennen, die zumindest die Wahrscheinlichkeit
negativer Folgen des Klimawandels für Frieden und Sicherheit
vermindern. (Vgl. Brzoska in Friedensgutachten 2008, S. 195 ff).
Die
Veranstaltungsreihe wird am Dienstag, 01. Dezember 2009, 19:00 Uhr
im Stadthaus fortgesetzt mit einem Vortrag des Geowissenschaftlers
Professor Dr. Rainer Mennel von der Freien Universität Berlin zum
Thema „Wasser als Konfliktursache – Ökologische und strategische
Aspekte von Sicherheit am Beispiel eines weltweit begehrten
Rohstoffes.“
Impressionen von
der Veranstaltung
Text:
Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann, Sektionsleiter GfW-Sektion Halle
Pressebericht zur
Veranstaltung zum Herunterladen als Word-Datei
Die Publikation zur Vortragsveranstaltung
Welt im Wandel –
Sicherheitsrisiko Klimawandel
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen
Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg
268 S., 37 Abb., 6 Tab., geb., EUR 79,95
ISBN 978-3-540-73247-1
„Der
WBGU hat mit dem Gutachten 'Sicherheitsrisiko Klimawandel' ein Thema
aufgegriffen, das es zu Recht nach ganz oben auf die internationale
politische Agenda geschafft hat. Die Autoren belegen zweifelsfrei,
dass in einer vom Klimawandel geprägten Welt die Destabilisierungs-
und Konfliktrisiken ansteigen werden. In dem Bericht werden
besonders jene Regionen beleuchtet, die - wenn der Klimawandel
ungebremst voranschreitet - im 21. Jahrhundert von Konfliktrisiken
besonders betroffen sein werden. Das Gutachten macht damit deutlich,
dass Klimapolitik vorbeugende Sicherheitspolitik ist.“
Achim Steiner,
Untergeneralsekretär bei den Vereinten Nationen. Exekutivdirektor
des UN-Umweltprogramms (UNEP)
Eine Zusammenfassung für
Entscheidungsträger (20 Seiten) kann
hier als
pdf-Datei heruntergeladen werden.
Text: OTL a.D. Jürgen Rann, GfW-Sektionsleiter Halle