Nachschau - Veranstaltung am 14.11.2007

 Das asiatische Jahrhundert

Fernöstlicher Strukturwandel im Zuge der Globalisierung

Halle. Am 14. November luden die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik - Sektion Halle, der Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt und das Landeskommando Sachsen-Anhalt zum zweiten Wintervortrag der Reihe „Globalisierung – Neuverteilung von Macht und Reichtum“ in das Stadthaus Halle ein. 

Nach dem Umzug der Wintervortragsreihe aus den militärischen Räumlichkeiten der Dr.-Dorothea-Erxleben-Kaserne in das Stadthaus ist die Wintervortragsreihe aus dem kulturpolitischen Spektrum der Saale-Metropole nicht mehr wegzudenken.

Auch der Zuspruch der Wirtschaft wächst stetig, so dass Oberstleutnant Jürgen Rann als Vorsitzender der GfW, Sektion Halle, rund 100 Teilnehmer begrüßen durfte, die überwiegend dem zivilen Bereich zuzuordnen waren.

Als Wirtschaftsjurist, Asienexperte und Buchautor referierte Dr. Karl Pilny zum Thema „Das asiatische Jahrhundert - Fernöstlicher Strukturwandel im Zuge der Globalisierung.“

Dr. Pilny leitete seinen Vortrag mit einem Hinweis auf die „Dreiteilung“ des asiatischen Wirtschaftsraums (China, Indien, Südostasien) sowie der Bemerkung, dass Asien nicht zum ersten Mal während seiner mehrtausendjährigen Geschichte im Zentrum der Weltwirtschaft stehen würde, ein. 

Er verwies auf das neutrale Verhältnis zwischen Indien und China, welches, historisch gesehen, weder von größeren Konflikten noch von wesentlichen Berührungspunkten geprägt sei. Dies stünde im Gegensatz zum belasteten Verhältnis zwischen China und Japan. Aus diesem Grunde heraus sei auch eine Prognose hinsichtlich einer zukünftigen Konkurrenz oder Kooperation beider Staaten völlig offen.

Mit Indien, China und Japan seien darüber hinaus drei der vier größten Volkswirtschaften der Erde Mitte des 21. Jahrhunderts in Asien angesiedelt. Damit würde zukünftig die Kooperation zwischen den Staaten des asiatischen Wirtschaftsraums und den westlichen Märkten abnehmen und Asien zu einem einheitlichen und eigenständigen Markt zusammenwachsen. Die Bedeutung Europas als Exportmacht würde dramatisch abnehmen.

Alleine in Indien würde in 10 Jahren eine Milliarde Menschen der wohlhabenden Mittelklasse angehören.

China müsse als Gastgeber der Olympischen Spiele 2008 den Nachweis erbringen, was es zu leisten in der Lage sei. Eine Entwicklung wie 1989 in Japan, als nach dem Tod Kaiser Hirohitos die Immobilien- und Börsenblase platzte und der Nikkei-Index von mehr als 39.000 auf unter 12.000 Punkte absank, könne auch China bevorstehen. China benötige 6 – 8 % Wirtschaftswachstum um genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Gleichzeitig dürfe die Volkswirtschaft jedoch auch nicht überhitzen.

Einen Grund für die bedeutsame Entwicklung des asiatischen Wirtschaftsraums sieht Dr. Pilny in den Lehren Konfuzius’. Diesen lägen neben dem Dogma des lebenslangen Lernens Werte und Tugenden zugrunde, die lern-, leidens- und leistungsfähige Menschen hervorbringen würden. Familienverbund, Loyalität und Pünktlichkeit trügen zusätzlich zu dieser Leistungsfähigkeit bei. Diese Lehren seien im Ergebnis durchaus mit dem protestantischen Leistungsepos, verbunden mit den deutschen Nachkriegstugenden vergleichbar. 

Deutschland hätte aufgrund seines hohen Ansehens, ebenso wie aufgrund der Tatsache, dass sein Verhältnis zu diesen Wachstumsstaaten historisch weitestgehend ungetrübt sei, durchaus gute Aussichten auch weiterhin eine nicht unbedeutende Rolle auf dem asiatischen Markt zu spielen.

Das angespannte Verhältnis zwischen China und Japan beleuchtete Dr. Pilny eingehender. 

Im Frühjahr 2005 war es zu antijapanischen Ausschreitungen in China gekommen. Sowohl wirtschaftlich, wie auch militärisch läge China bislang noch weit hinter Japan zurück. 

Es stelle sich die Frage, ob die hohe Anzahl von Toten auf beiden Seiten während der vergangenen Jahrhunderte sich mit den aktuellen Problemen verbinden könne, was zu unkalkulierbaren Einschnitten in die Entwicklung des asiatischen Wirtschaftsraums führen könne. Unter der Straße von Taiwan befände sich zudem zwischen China und Japan ein riesiges, unterseeisches Erdgasfeld von enormer wirtschaftlicher Bedeutung.

Bezüglich der Unterschiede zwischen China und Indien wies der Referent auf die konträren Strukturen hin. China sei während seiner 5000-jährigen Geschichte zu 90% zentralistisch strukturiert gewesen, während Indien zum gleichen Prozentsatz die Struktur eines Flickenteppichs aufgewiesen habe. Die diesbezüglich bürokratisch geprägte Struktur des indischen Subkontinents habe im Gegensatz zur deutlich straffer geführten Struktur Chinas viele Entwicklungen gehemmt.

Allerdings habe Indien auf seinem Weg vom Agrarstaat zum Dienstleister die Stufe des Industriestaates nahezu übersprungen, wodurch die Wachstumsdynamik verpuffen könne. Zudem habe Indiens Ministerpräsident Singh das Problem, mit 16 Regionalparteien regieren zu müssen. Möglich wäre auch, dass der Flaschenhals der unterschiedlichen Regionalinteressen, nach den Neuwahlen im Jahre 2009, eine signifikanten Bremswirkung auf die wirtschaftliche Entwicklung in Indien haben könne. Indien könne jedoch, aufgrund seiner deutlich jüngeren Bevölkerungsstruktur, China überholen, da dieses, bedingt durch seine „1-Kind-Politik“, zunehmend veraltere – ein Schicksal, welches auch der Bundesrepublik Deutschland bevorstehen würde.

Alle Wirtschaftsmächte würden darüber hinaus in immer stärkerem Maße auf militärische Stärke setzen. Der Kampf um Rohstoffe könne, in Verbindung mit den historischen Erfahrungen, zunehmende Spannungen zwischen den Staaten generieren.

Im Anschluss an den Vortrag stand Dr. Pilny für zahlreiche Fragen des Auditoriums zur Verfügung. Auch während des anschließenden Empfangs, der vom Verband der Reservisten der Bundeswehr e.V. – Landesgruppe Sachsen-Anhalt ausgerichtet worden war, wurde bei Bier und Brezeln weiterhin angeregt diskutiert. 

Die GfW weist bereits heute auf die nächste Veranstaltung am 12. Februar 2008 hin.

Text und Foto: Oberfeldapotheker Hartmut Berge

 

Veranstaltungsbericht im Reservistenmagazin "loyal"

 

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