Nachschau - Veranstaltung am 16.02.2011

 

Vortragsabend

zum Thema

Meine persönlichen Erfahrungen

mit einem Selbstmordattentäter

Referent:

 

ROI Tony Ewert

Anschlagopfer vom 07.06.2003 in Kabul

am Mittwoch, 16. Februar 2011, 19.00 Uhr

im Großen Festsaal des Stadthauses

Marktplatz 2, 06108 Halle

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Sektionseigener Bericht

„Ich lebe. Das ist das Wichtigste.“

Halle. Die GfW-Sektion Halle und ihre Kooperationspartner, die Stadt Halle, das Landeskommando Sachsen-Anhalt der Bundeswehr, der Reservistenverband – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, die Jakob-Kaiser-Stiftung sowie die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik – Sektion Sachsen-Anhalt setzten am Mittwoch, dem 16. Februar 2011 die gemeinsame Wintervortragsreihe 2010/2011 über den „Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und das freundliche Desinteresse der ‚Heimatfront’“ fort. Im Mittelpunkt des ersten Vortragsabends im neuen Jahr stand das persönliche Risiko für Leib und Leben der am Hindukusch eingesetzten Soldatinnen und Soldaten. In diesem Kontext sprach Regierungsoberinspektor Tony Ewert aus Magdeburg über seine persönlichen Erfahrungen mit einem Selbstmordattentäter.

Tony Ewert befand sich als Soldat zum Ende seines dreimonatigen Afghanistan-Einsatzes im Jahre 2003 bereits in einem Bus auf dem Weg zum Kabuler Flughafen zurück in die Heimat, als dieser das Ziel eines perfiden Selbstmordanschlags mit einer Autobombe wurde. Vier seiner Kameraden starben, 29 wurden verletzt. Tony Ewert selbst überlebte  wie durch ein Wunder schwerstverwundet. Dieser Anschlag am Samstag, den 07. Juni 2003 war derzeit der bisher schwerste Terroranschlag auf Bundeswehr-Angehörige in Afghanistan und markierte zugleich den Wendepunkt hin zu einer sich stetig verschlechternden Sicherheitslage.

Wer Tony Ewert an jenem Abend im Stadthaus am Rednerpult erlebte, ein freundlicher, selbstbewusster und ausgeglichen wirkender junger Mann, der konnte sich zunächst nur schwer vorstellen, welche traumatischen Erlebnisse, welch körperliches und seelisches Martyrium dieser Mensch zu durchleiden und verarbeiten hatte. Das änderte sich schlagartig, als Ewert in einem bewegenden Vortrag das Geschehen jenes 07. Junis einem spürbar betroffenen Publikum in Erinnerung rief, untermauert von zum Teil schockierendem Bildmaterial, das manchen Zuhörer sicherlich noch im Schlaf verfolgte. Bemerkenswert, mit welcher sachlichen Distanz und Abgeklärtheit er über dieses feige Attentat berichtete, das zum Verlust eines Beines, eines Auges und zahlreichen anderen schweren Verletzungen führte, die ihn ein Leben lang beeinträchtigen werden. Kein Wort der Anklage oder Schuldzuweisung kam über seine Lippen.

Da Tony Ewert auf Grund der Schwere seiner erlittenen Verletzungen an den eigentlichen Hergang des Anschlags so gut wie keine Erinnerungen hat, konzentrierte er sich im Wesentlichen auf die Schilderung der Ereignisse, die nach dem Attentat auf ihn einstürmten, von der medizinischen Erstversorgung einer „menschlichen Großbaustelle“, wie er es ausdrückte, über seine Rückverlegung nach Deutschland, den zahlreichen langwierigen Behandlungen im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm und der  sich anschließenden monatelangen Phase der Rekonvaleszenz.

Mit eisernem Willen kämpfte sich Tony Ewert trotz seiner körperlichen Beeinträchtigungen ins Alltagsleben zurück. Unterstützung erfuhr er durch seine Kameraden, die eine Spendenaktion ins Leben riefen, die ihm u.a. zu einem  behindertengerechten Fahrzeug verhalf und somit ein wichtiges Stück Mobilität zurückgab.

Hilfe erhielt Ewert auch von seinem obersten Dienstherrn, dem damaligen Bundesverteidigungsminister Peter Struck, der ihn im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus besuchte und Unterstützung bei der Wiedereingliederung in das Berufsleben zusagte. Tony Ewert war mit Leib und Seele Soldat, wollte bei der Bundeswehr verbleiben. Trotz damals noch fehlender Rechtsgrundlagen wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Er erhielt eine Laufbahnausbildung für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst bei der Bundeswehrverwaltung, die er erfolgreich absolvierte. Heute trägt er den Rang eines Regierungsoberinspektors und arbeitet im Berufsförderungsdienst am Standort Burg, das dem Kreiswehrersatzamt Berlin zugeordnet ist.

Für Tony Ewert geht das Leben weiter, nur anders, wie er sagt. Er hat es geschafft, seinem Leben neue Ziele und Inhalte zu geben. Für die Art und Weise, wie er sich auch mental mit seinem Schicksal arrangiert hat, obwohl er nach eigenem Bekunden nie einen Psychologen zu Gesicht bekam, gebührt ihm allergrößte Hochachtung. Man spürt, dass er mit sich selbst im Reinen ist, wenn er den amerikanischen Schauspieler Peter Fonda zitiert: „Manchmal, wenn ich aufwache und jemand fragt mich: „Wie geht's?“, sage ich immer: „Ich lebe“ Und wenn jemand fragt: „Ist das alles?“ dann antworte ich: „Das ist das Wichtigste.“

Bleibt hinzuzufügen: Die Schwerstverwundungen Tony Ewerts waren der Präzedenzfall dafür, dass die Politik mit dem Einsatzversorgungsgesetz und dem Einsatzweiterbeschäftigungsgesetz gravierende Lücken im Versorgungsrecht für Soldaten mit Einsatzfolgeschäden schloss und sie rückwirkend zum 01.12.2002 in Kraft setzte.

Text: Jürgen Rann, Oberstleutnant a.D., Sektionsleiter GfW-Sektion Halle (Saale)

 

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