Sektionseigener
Pressebericht
Klimaflüchtlinge - Die verleugnete Katastrophe
Halle.
„Von Politik und Öffentlichkeit bisher meist ignoriert, steuere die
Völkergemeinschaft auf eine humanitäre Katastrophe unbekannten
Ausmaßes zu. Die Klimaerwärmung verschlechtere für Millionen von
Menschen die natürlichen Lebensgrundlagen, so dass vielen in Folge
dessen als einziger Ausweg nur noch die nackte Flucht bliebe.“ Zu
diesem Ergebnis gelangt der Hamburger Professor für Internationale
Politik, Dr. Cord Jakobeit, nachzulesen in der von ihm (mit Dipl.-Pol.
Chris Methmann als Co-Autor) im Auftrag von Greenpeace International
erstellten Studie „Klimaflüchtlinge. Die verleugnete Katastrophe."
Der
Klimawandel als Ursache von Flucht und Migration stand am 23. März
2010 auch im Mittelpunkt des Vortrags von Professor Dr. Cord Jakobeit
im Stadthaus, mit der die Sektion Halle der Gesellschaft für Wehr- und
Sicherheitspolitik e.V. ihre vierteilige Wintervortragsreihe 2009/2010
zum Leitthema „Sicherheitsrisiko Klimawandel – Die Krisen der
Zukunft?“ beendete. Der international beachtete Politikwissenschaftler
und zugleich Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg
gab dem interessierten Publikum im großen Festsaal des Stadthauses
einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum
Thema Klimaflüchtlinge. Er erörterte, worin sich Klimaflüchtlinge von
anderen Flüchtlingsgruppen unterscheiden, mit welchen Menschenmengen
an Migranten gerechnet werden muss und wo die sogenannten „Hot-Spots“
– also durch Klimaerwärmung besonders bedrohte Weltregionen – liegen.
Während in
den Naturwissenschaften inzwischen ein (relativer) Konsens über
Ursachen und Wirkungen des Klimawandels herrsche, stehe die
wissenschaftliche Diskussion über Klimaflucht noch am Anfang,
erläuterte Professor Jakobeit. So sei insbesondere die definitorische
Abgrenzung der Klimaflucht von anderen Fluchtursachen äußerst
problematisch. Da die komplexen Wirkungszusammenhänge zwischen Armut,
Klimawandel und anderen Umweltproblemen keine genaue Quantifizierung
zuließen, gingen auch die Schätzungen der zu erwartenden Zahl an
Menschen, die aufgrund von existenzgefährdender Umweltzerstörung ihren
natürlichen Lebensraum zeitweilig oder auf Dauer verlassen müssten
(vgl. Definition von El-Hinnawi, 1985), sehr weit auseinander. Es sei
geradezu ein Überbietungswettlauf mit immer höheren Zahlen
festzustellen, so Professor Jakobeit. Solche Zahlenprognosen seien
jedoch kaum seriös. Dennoch mehren sich die Indikatoren weltweit, dass
der Klimawandel nicht nur bei den Inselstaaten bereits zu einer
erklärenden Variablen für Migration werde. Eine völlig unstrittige
Erkenntnis sei dagegen, dass diejenigen, die am wenigsten für den
Klimawandel verantwortlich seien, am stärksten von seinen Folgen
heimgesucht würden.
Klimawandel führe nicht per se zur Flucht, betonte der Hamburger
Politikwissenschaftler. Entscheidender Fluchtfaktor sei die
Verwundbarkeit der betroffenen Menschen. Je höher die Verwundbarkeit,
desto höher die Fluchtwahrscheinlichkeit. Bestimmende Größen für die
Verwundbarkeit sei zum einen das Ausmaß der Betroffenheit von den
diversen Erscheinungsformen des Klimawandels, zum anderen der Grad des
Mangels an Anpassungsfähigkeit an die sich verändernden
Lebensumstände, erläuterte Professor Jakobeit und ergänzte, dass
gerade dort, wo Armut und ausbleibende Entwicklungserfolge
vorherrschten, Flucht und Migration oft den einzigen Ausweg
darstellten.
Während in
Afrika und Zentralasien Wasserknappheit und Desertifikation der
landwirtschaftlichen Flächen die Menschen zur Flucht trieben (vgl.
Nachschau zum Vortrag von Prof. Dr. Rainer Tetzlaff am 10.02.2010),
sei es in Bangladesch und auf einigen kleinen Inselstaaten im Pazifik
der steigende Meeresspiegel, der den Menschen den Lebensraum nimmt.
Laut einer Berechnung der Weltbank mache der Anstieg des
Meeresspiegels um nur einen Meter etwa 56 Millionen Menschen in 84
(Entwicklungs-) Ländern zu Klimaflüchtlingen. Allein in Bangladesch
würde ein solcher Meeresspiegelanstieg 18% des Landes überfluten und
damit 35 Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen.
Am
Beispiel des Hurrikans „Katrina“ machte der Professor deutlich, dass
Klimaflucht kein ausschließlich auf Entwicklungsländer beschränktes
Problem sei. Katrina löste in den USA die größte Flüchtlingswelle seit
150 Jahren aus. Es sei davon auszugehen, dass von den 1 Millionen
Flüchtlingen etwa 250.000 langfristig nicht in ihre angestammte Heimat
zurückkehren werden können. Besonders betroffen seien auch hier
insbesondere Arme und Afroamerikaner.
Zum
Schluss seines Vortrags widmete sich Professor Jakobeit der
Verantwortung der Verursacherländer und sparte hierbei nicht mit
Kritik. Die Industrienationen, mit etwa 80 Prozent Ausstoß an
klimazerstörenden Treibhausgasen die Hauptverursacher der globalen
Erwärmung, ließen den Opfern ihres unverantwortlichen Treibens bisher
kaum oder nur unzureichende humanitäre Hilfe zukommen und schotteten
sich zudem vollkommen gegen Klimaflüchtlinge ab.
Jakobeit
wies auf die Dringlichkeit eines rechtsverbindlichen globalen
Klimaschutzes hin und forderte eine Reduktion der
Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 Prozent des Niveaus von 1990, um
den Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen. Allerdings werden
selbst sofortige, wirksame Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase
das Ausmaß der Flüchtlingsströme nur begrenzen, aber nicht mehr
gänzlich verhindern können, da die Folgen des Klimawandels in manchen
Regionen der Welt bereits irreversibel seien.
Der
Politikwissenschaftler forderte zweitens neue und zusätzliche Finanz-
und Technologietransfers für die Entwicklungsländer als
Lastenausgleich zwischen den Hauptverursachern des Klimawandels und
den weitgehend unschuldigen Opfern in der Dritten Welt.
Drittens
forderte Jakobeit für die Menschen, die in Folge der Klimaerwärmung
ihr weniges Hab und Gut zurücklassen und in eine ungewisse Zukunft
fliehen müssten, eine Anpassung des Migrationsrechts, so etwa durch
eine Revision bzw. Erweiterung der Genfer Flüchtlingskonvention oder
eines „Klimaflüchtlings-Protokoll“ als Erweiterung der
UN-Klimarahmenkonvention.
Ein
aufrüttelnder Vortrag über eine humanitäre Katastrophe, bei der man,
das sei abschließend anzumerken, den sicherheitspolitischen Aspekt
nicht außer Acht lassen sollte, den Javier Solana auf den Punkt
brachte mit seiner Feststellung: „Europa muss einen deutlich erhöhten
Migrationsdruck erwarten.“ Die Klimaflucht berührt also unmittelbar
auch unsere ureigensten Sicherheitsinteressen. Je weniger die
europäischen Industrienationen bereit sind, die klimazerstörenden
Treibhausgase zu reduzieren und in einen fairen Lastenausgleich zu
investieren, desto größer und unkalkulierbarer wird quasi als
Boomerang-Effekt der Migrationsdruck auf unsere Gesellschaften.
Jürgen Rann, Oberstleutnant a.D., GfW-Sektionsleiter Halle
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Die Vortragsfolien von Prof.
Dr. Cord Jakobeit können Sie
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Die Greenpeace-Studie
mit weiterführenden Informationen zum Thema können Sie sich
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