Nachschau - Wintervortragsreihe 2008 / 2009

Energiesicherheit – Energie und Sicherheit im 21. Jahrhundert

Energie ist Leben. Die Abhängigkeit nicht nur der Weltwirtschaft, sondern unserer  gesamten Zivilisation von Energie macht die Frage nach der Energieversorgungssicherheit vor dem Hintergrund der abnehmenden Verfügbarkeit der natürlichen Vorkommen an Öl, Gas und Kohle, den heutigen Hauptenergieträgern, sowie drohender Angebotsengpässe durch eine rasant wachsende Nachfrage in den Schwellenländern, nicht nur zu einem überragenden Thema der Energie- und Wirtschaftspolitik, sondern vor allem auch der Außen- und Sicherheitspolitik.

Viele Menschen, die in das Zeitalter der fossilen Brennstoffe hineingeboren wurden, wollen die Endlichkeit des Ölzeitalters nicht wahrhaben. Sie unterliegen dem Irrglauben, dass man nur noch intensiver nach neuen Öl- und Gaslagerstätten suchen müsse und damit die Energiesicherheitsdebatte ad acta legen könne.

Unser Februarreferent, Dr. Friedemann Müller, räumte mit diesem Irrglauben gründlich auf, indem er feststellte, dass das Ölzeitalter in der Menschheitsgeschichte nicht mehr als einen Wimpernschlag ausmache. Die klare Botschaft ist, dass wir uns vom Ölzeitalter verabschieden müssen. Die gute Nachricht ist, dass die Menschen auch vor dem Ölzeitalter über ausreichend Energie in Form von Feuer, Wasser, Sonne und Wind verfügten. Es ist auch nach dem Ende des Ölzeitalters genügend Energie vorhanden. Das eigentliche Problem ist, dass sich die Menschen diese Energie erst nutzbar machen müssen.

Die tatsächlich noch vorhandenen Ressourcen an fossilen Energieträgern kann niemand exakt bestimmen. Wir befinden uns jetzt aber wohl ungefähr im Bereich des Scheitelpunktes des Ölzeitalters, genannt „peak oil“. Ob noch kurz davor oder bereits kurz danach ist von sekundärer Bedeutung. Es geht vor allem um das prinzipielle Verständnis dessen, was in naher Zukunft an Energieproblemen auf uns zukommt.

Wichtig ist ausschließlich die Erkenntnis, dass fossile Energie ein immer knapper werdendes Gut wird, zugleich aber die Energienachfrage insbesondere durch Schwellenländer wie China und Indien weiter steigen wird, wodurch nicht nur die Endlichkeit der Ressourcen sondern darüber hinaus auch die begrenzten Produktions-, Raffinerie- und Transportkapazitäten zu einem Problem werden. Die Internationale Energie Agentur (IEA) warnt bereits heute vor einer Mega - Wirtschafts- und Energiekrise im Jahr 2013, welche die aktuelle noch deutlich in den Schatten stellen soll. Die IEA rechnet damit, dass im Zuge der globalen wirtschaftlichen Erholung der Energiebedarf steil in die Höhe schießen wird, was zu dramatischen Versorgungsengpässen und einem Anstieg des Ölpreises auf 200 $ pro Fass führen wird.

Vor diesem Hintergrund haben wir in unserer ersten Vortragsveranstaltung die Problematik der  Energieversorgungssicherheit in den Mittelpunkt gestellt. Dr. Frank Umbach informierte uns über die strategischen Trends der internationalen Energieversorgung sowie den geopolitischen Risikofaktoren. Den globalen energiewirtschaftlichen Herausforderungen könne man nur durch die Einbeziehung aller verfügbaren Energieträger unter maximaler Ausnutzung heimischer Ressourcen begegnen. Diese Diversifizierung von Energieträgern müsse durch eine solche der Energieimporte ergänzt werden, so Dr. Umbach. Auf gleiche Stufe stellte der Energiesicherheitsexperte seine Forderung nach Maximierung des effizienten Umgangs mit Energie sowie die Bildung strategischer Reserven. Den europäischen Industrienationen, deren Wirtschaft und somit auch Wohlstand extrem vom sicheren Energiezufluss abhängig seien, riet Umbach zu einem solidarischen multilateralen Energiesicherheitsansatz auf EU-Ebene.

Folgerichtig befassten wir uns in der zweiten Vortragsveranstaltung mit Europas Politik für mehr Versorgungssicherheit. Dabei konzentrierte sich unser Referent, Dr. Oliver Geden, zum einen auf den solidarischen Energiebinnenmarkt als unerlässliche Vorsorge für den Krisenfall der physischen Unterbrechung der Energielieferungen sowie auf eine gemeinsame EU-Energieaußenpolitik mit der Zielsetzung des weiteren Auf- und Ausbaus guter politischer Beziehungen mit den Energieproduzenten und Transitländern sowie dem Bau strategisch bedeutsamer Pipelines.

In der dritten Veranstaltung stand die andere Seite der Medaille der Energiesicherheit, der Klimawandel, im Mittelpunkt. Dr. Friedemann Müller führte hierzu aus, dass die fossilen Energien Öl, Gas und Kohle dem Ökosystem ca. 300 Millionen Jahre lang Kohlenstoff entzogen hätten, der nun durch die Verbrennung dieser Energieträger in nur 300 Jahren in den Ökokreislauf zurückgepumpt werde. Dieses Kohlenstoffdepot würde in Form von Treibhausgasen von der Erde in die Atmosphäre verlagert, deren Konzentration daher in atemberaubendem Tempo ansteige. Etwa drei Viertel der THG-Emissionen seien auf den Verbrauch fossiler Energien zurückzuführen. Die Zunahme der Treibhausgaskonzentration führt zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur mit dramatischen Folgen, wie der Erhöhung des Meeresspiegels durch ein Abschmelzen der Pole, einer Ausdehnung von Wüsten sowie die Zunahme von Fluten und Stürmen, warnte Dr. Müller.

Spätestens wenn man die Ressourcen- und die Klimakurve übereinander legt wird klar, dass das Ölzeitalter nicht mit dem Verbrauch der letzten Vorräte enden darf. Es gibt im Schnittpunkt der beiden Kurven einen „point of no return“. Wird dieser überschritten, führt die Klimakurve unweigerlich in die Klimakatastrophe und die Ressourcenkurve in den Ressourcenkonflikt.

Wenn das so ist, warum haben wir uns dann zunächst ausgiebig den Themen „Diversifikation“ und „Energieeffizienz“ gewidmet? Diversifikation und Energieeffizienz - und im Zusammenhang mit dem Klimaschutz muss man nun auch den Emissionshandel hinzufügen - sind wohlgemerkt keine Lösungen des Problems „Energiesicherheit im 21. Jahrhundert“, wohl aber sind es wichtige Stellschrauben, die den „point of no return“ auf der Zeitachse nach hinten verschieben. Erst dadurch gewinnt die Menschheit das Zeitfenster, das sie für die von Professor Dr. Peter Hennicke vorgestellte ökologische Ressourcenwende hin zu deutlich mehr Energieeffizienz und dem verstärkten Einsatz von erneuerbaren Energien dringend benötigt.

Die Energiewende ist keine Angelegenheit zukünftiger Generationen. Wir, die heute lebende Menschheitsgeneration, wir sind aufgefordert, diese ökologische Energiewende heute zu schaffen, bevor Ressourcenkriege und Klimawandel mit ihren schrecklichen Folgewirkungen die Welt in eine globale Katastrophe stürzen. Wir und niemand anderes haben die historische Verantwortung, unseren Kindern und Enkelkindern mit sicherer und sauberer Energie den Weg in eine lebenswerte und friedliche Zukunft zu ebnen. Die Energiewende ist eine Schicksalsfrage der Menschheit. Dieses Thema bedarf daher einen gesamtgesellschaftlichen Konsens über alle Parteigrenzen hinweg. Es darf keinesfalls einem parteitaktischen Kalkül oder den Lobbyinteressen der Energiewirtschaft geopfert werden.

Das Ölzeitalter hat der Menschheit eine gigantische Industrialisierung und eine nie gekannte Mobilität beschert. Der Energiebedarf ist dabei ins Unermessliche gestiegen. Die Herausforderung einer Energiewende ist daher gewaltig. Machen wir uns aber diesen wunderbaren Slogan Obamas aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf zu eigen „Yes we can“, ja wir schaffen es, wenn wir es anpacken. Ein jeder Bürger ist zur Mitwirkung aufgefordert im Sinne des einprägsamen Zitats:  „Wer wenn nicht ich, wann wenn nicht jetzt“.

 

Text: Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann, GfW-Sektionsleiter Halle

 

PowerPoint-Präsentation und Begleittext zur Zusammenfassung der Wintervortragsreihe 2008 / 2009 zum Herunterladen.

 

Oben                                                                                                                                                                   Zurück

Unsere Partner: